Diskursethik

Christoph Kollmorgen (2016)

Als Diskursethik bezeichnet man jene metaethischen und normativen Theorien der Moral, die in der kantischen Tradition einer deontologischen Ethik stehen 1) und im Wesentlichen in Kooperation von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas entwickelt wurden. Diskursethische Ansätze ersetzen die reflexive Prüfung moralischer Maximen nach dem Kategorischen Imperativ durch die argumentative Einlösung von Geltungsansprüchen moralischer Normen im praktischen Diskurs.2) Umweltethisch kann die Diskursethik als übergreifendes Vernunftkonzept fungieren, das auf die Metapraxis der Argumentation verweist und eine unverkürzte Erörterung ethischer Probleme erlaubt.3)

Der etablierte Terminus Diskursethik scheint angemessen, insofern es sich um eine Sprachethik handelt, die Diskurse als ihr reflexives Medium begreift. Doch sachlich korrekter wäre die Bezeichnung als Diskurstheorie normativer Gültigkeit.4) Sie ist keine spezifische Ethik für die Diskurspraxis, also keine Bereichsethik. Vielmehr beansprucht sie den Status einer allgemeinen Ethik, die klären will, woran wir unser Handeln in jeder Situation orientieren sollten. Die Reflexion auf die Diskurspraxis dient dem Versuch der Beantwortung dieser Frage und der Begründung des Moralprinzips selbst.5) Als konsenstheoretisches Prinzip erklärt es diejenigen moralischen Überzeugungen für richtig, die von allen aus guten Gründen akzeptiert werden können. In erster Annäherung sind der Diskursethik zufolge also nur diejenigen Normen moralisch gültig, welche die allgemeine Zustimmung aller davon betroffenen finden können.6) In den Fällen von moralischer Ungewissheit empfehlen sich daher praktische Diskurse, in denen jeder seine Überzeugungen frei äußern kann, um gemeinsam die Richtigkeit einer Handlungsweise zu bestimmen.7) Ausgehend von den pragmatischen Unterstellungen einer diskursiven Wechselrede knüpft die Diskursethik in der Begründung ihres Moralprinzips systematisch an dasjenige Vorverständnis kommunikativen Handelns an, das jeder oder jede Diskursteilnehmer*in vernünftigerweise voraussetzen muss, wenn er oder sie als Teilnehmer*in einer intersubjektiven Sprachpraxis argumentiert.8) So soll gezeigt werden, dass die Verbindlichkeit des Prinzips nicht sinnvoll angezweifelt werden kann, weil sich jeder Einwand als performativer Selbstwiderspruch herausstellen würde. 9)

Mit ihren Hauptvertretern lassen sich zwei diskursethische Varianten unterscheiden, die sich in ihrer Entwicklung gegenseitig beeinflussten: eine transzendentalpragmatische nach Karl-Otto Apel und eine universalpragmatische nach Jürgen Habermas. Strebt die Transzendentalpragmatik eine nichtdeduktive Letztbegründung an, ist die Universalpragmatik bewusst fallibel konstruiert und erhebt damit einen schwächeren Begründungsanspruch des Moralprinzips.10) In der Frage um die reale Orientierung am Moralprinzip unter Bedingungen, in denen die Anwendung der Diskursethik erheblich erschwert ist, unterscheiden sich beide Ansätze ebenfalls deutlich voneinander.

Theoretische Grundlagen

a. Sprachphilosophische Einflüsse

Vorformen kommunikativ-dialogischer Ethikansätze reichen bis zur Antike zurück und reflektieren im Allgemeinen auf die ethischen Implikationen der Beteiligung an moralischen Diskursen.11) So verweist Platon im Dialog von Sokrates und Kallikles auf die drei Tugenden der Gesprächsführung, die bei einem Konsens der Beteiligten für die praktische Richtigkeit ihrer Aussagen bürgen: „Einsicht, Wohlwollen und Freimütigkeit“12). Im Gorgias ist eine frühe Unterscheidung von Sophistik und Dialektik angelegt.13)

Friedrich Schleiermacher versteht in seiner Dialektik, die platonische Kunst ein Gespräch zu führen, als Werkzeug der Philosophie, das er entgegen Hegel nicht in einem spekulativen Monolog der Vernunft mit sich selbst, sondern auf der Ebene der realen Kommunikation verortet. Erst im wirklichen Widersprechen und Gegenwidersprechen kann das Gegenüber seine subjektive Weltdeutung überschreiten und in einen wirklichen Gedankenaustausch treten.14)

In Wilhelm von Humboldts Schriften zur Sprachphilosophie ist Sprache bereits „die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den articulirten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen.“15) Als das expressive Moment kognitiver Vorgänge eigenen Erfahrens verweist sie stets auf einen Empfänger: „Sie hat zum Zweck das Verständniss.“ 16) Besonders im Gebrauch der Personalpronomina „Ich und […] Du17) zeigt sich die allen Sprachen innewohnende Normativität, die pragmatisch die Anerkennung und Reziprozität miteinander Redender impliziert. Dies setzt, insbesondere das Gegenüber, als Teil einer unbegrenzten Kommunikationsgemeinschaft voraus und verweist in die Sphäre geteilten Wissens.18) Sich mit anderen über etwas zu verständigen heißt demnach, sich in lebendiger Wechselrede, sowohl in eigener, wie auch in der Perspektive des Gegenübers, sprachlich verfasster Weltbilder zu bedienen und diese füreinander verständlich zu machen.19)

Martin Buber fundiert die Erfahrung des anderen als meinesgleichen in seinem theologisch ausgerichteten Werk Ich und Du und unterscheidet eine durch die Ich-Es-Erfahrung konstituierte gegenständliche Welt von derjenigen, die sich im gegenseitigen Verhältnis zweier Redender eröffnet20): „Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung.“21)

Die zeitgenössische Diskursethik wurde zweifellos beeinflusst von diesen und anderen sprachphilosophischen Wegbereitern. Doch gilt sie selbst vor allem als Teil einer philosophiegeschichtlichen Bewegung, die als sprachphilosophische (bzw. linguistische), oder auch pragmatische und hermeneutische Wende bezeichnet worden ist. In diesem Zusammenhang sind u.a. die Arbeiten von Charles S. Peirce von Bedeutung, der die konsenstheoretische Auslegung des Begriffs der Wahrheit, als erst langfristig erkennbar, expliziert hat. Erwähnt werden kann zudem Ludwig Wittgensteins Privatsprachenargument, das die Unmöglichkeit einer gemeinschaftsunabhängigen Regelinterpretation des Sprachgebrauchs aufzeigen soll. Die von John L. Austin und John R. Searle weiterentwickelte Sprachpragmatik und insbesondere die Sprechakttheorie ermöglichten ein klareres Verständnis performativer Widersprüche und damit die Beschreibung einer diskursreflexiv-sinnkritischen Methode zur Identifikation impliziter Voraussetzungen der Sprachpraxis.22)

b. Theoriekern und allgemeine Charakterisierung

Ungeachtet der Unterschiede einer transzendental- oder universalpragmatischen Variante lässt sich ein gemeinsamer Theoriekern identifizieren, der die wesentlichen Elemente der Diskursethik(en) wiedergibt. Die Basiselemente, als die Prinzipien <D> und <U>, sind mit einem Modell verbunden, das mit Begriffen der Theorie des kommunikativen Handelns operiert. Ausgangspunkt ist der regelungsbedürftige Dissens mindestens zweier sprach- und handlungsfähiger Subjekte und die prinzipielle Möglichkeit zu seiner diskursiven Beilegung ihrer normativen Differenzen. Ihre moralischen Überzeugungen bringen die Sprecher*innen argumentativ ein und orientieren sich dabei an vorauszusetzenden Regeln sowie an den Prinzipien <D> und <U>. In einem Konzept praktischer Diskurse, das eine authentische Artikulation jeweiliger Geltungsansprüche, die gleichberechtigte Beteiligung aller Betroffenen, eine Orientierung am zwanglosen Zwang guter Gründe und der Ausrichtung am Konsens als Ziel allen Argumentierens voraussetzt, lässt sich ein Verfahren der kollektiven Urteils- und Willensbildung ausmachen. Es darf begründet vermutet werden, dass auf diese Weise vernünftige Ergebnisse zustande kommen.23)

Ihrem gemeinsamen Theoriekern entsprechend, lässt sich die Diskursethik als deontologisch, universalistisch, prozedural und kognitivistisch charakterisieren.24) Handelt es sich zunächst um eine deontologische Prinzipienethik des kantischen Typs, dann wird dies deutlich bei der Formulierung und Begründung der moralischen Grundnorm, die zwar keine unmittelbare Handlungsanweisung an sich darstellt, aber als Metanorm fungiert, die alle anderen Handlungsorientierungen daraufhin prüft, ob diese moralisch richtig sind.25) Immanuel Kants berühmtes Moralprinzip ist der Kategorische Imperativ und lautet: „[H]andle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“26) Der Imperativ ist als Kriterium zur Prüfung von Maximen zu verstehen. Danach sind solche Handlungen unmoralisch, von denen ich vernünftigerweise nicht wollen kann, dass sie alle befolgen. Die Diskursethik geht einen entscheidenden Schritt weiter, indem sie nicht nur das jeweilige Handlungssubjekt zur Reflexion aufruft, sondern gleichsam alle Vernunftsubjekte und besonders die von der Handlung betroffenen als notwendig erachtet, um über die moralische Richtigkeit von Normen zu entscheiden.27) Aufbauend auf einer Konsenstheorie der normativen Richtigkeit haben Apel und Habermas in Erweiterung der deontologischen Ethik Kants die Diskursethik entwickelt.28) Nicht zu verwechseln mit dem Moralprinzip selbst, hat Habermas den diskursethischen Grundsatz <D> auf eine kurze Formel reduziert, mit der

„nur die Normen Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden (oder finden könnten).“29)

Hier tritt der dialogische Kern der Diskursethik zutage, der das monologische Prinzip überwindet. Zwar ist in beiden Ethiken nur all das verallgemeinerungsfähig was alle wollen können, aber, indem die Diskursethik die empirischen Interessen und Wertvorstellungen anderer Menschen praktisch mit einbezieht, weist sie über die subjektive Prüfung des einzelnen hinaus in den Bereich der Intersubjektivität.30) Die Theorie orientiert sich dabei an einem engen Moralbegriff, der die Normen des richtigen Handelns von Fragen des guten Lebens trennt.31) In Friedrich Kambartels etwas anderer Formulierung des diskursethischen Grundsatzes sind diejenigen Normen begründet, denen ein „rationaler Dialog (oder der Entwurf eines solchen Dialoges)“ 32) zugrunde liegt,

„der zur Zustimmung aller Beteiligten dazu führt, daß die in Frage stehende Orientierung bei allen Betroffenen in einer für diese fingierten unverzerrten Kommunikationssituation zur Zustimmung gebracht werden kann.“33)

In dem Anspruch auf Verallgemeinerungsfähigkeit steckt der universalistische Grundgedanke einer kulturübergreifenden Diskursethik. Das allgemein strukturierte Moralprinzip sollte also allen einsichtig sein und in praktischen Diskursen Orientierung für die Rechtfertigung von Normen bieten können.34) Der diskursethische Grundsatz kann dies nicht leisten. Die Diskursethik bietet jedoch eine Argumentationsregel als Moralprinzip an, nach welcher die strittigen Normen im Diskurs zu rechtfertigen sind, um von allen Beteiligten zustimmend als moralisch richtig anerkannt werden zu können.35) Diese ist eine Verfahrensbedingung, auf welche sich jeder oder jede Teilnehmer*in bei der diskursiven Erörterung normativer Geltungsansprüche einlässt. Mit dem Universalisierungsgrundsatz <U> kann ein Konsens nur dann sinnvoll zu erreichen versucht werden,

„wenn die Folgen und Nebenwirkungen, die sich aus einer allgemeine Befolgung der strittigen Norm für die Befriedigung der Interessen eines jeden Einzelnen voraussichtlich ergeben, von allen zwanglos akzeptiert werden können.“36)

Die hieraus hervorgehenden, unbedingt geltenden Moralnormen sind sodann gültige Regelungsinstanzen praktischer Problemlagen. Das universalistisch verstandene Kriterium der Gültigkeit wird unter Rückgriff auf die begrifflichen Voraussetzungen von Diskursen gewonnen.37) Für Apel ist dies die zentrale Begründungsidee der Diskursethik38):

„Diese Formel scheint mir in der Tat eine adäquate Explikation des formalen Kriteriums zu sein, das wir auf der Ebene des handlungsentlasteten Diskurses als Grundnorm einer idealen Kommunikationsgemeinschaft implizit immer schon anerkannt haben müssen und das deshalb auch für die realen praktischen Diskurse, in denen situationsbezogene Normen zu begründen bzw. kritisch zu beurteilen sind, als regulative Idee der möglichen Konsensbildung maßgeblich sein sollte.“39)

Das formale bzw. prozedurale Prinzip verweist auf die Zweistufigkeit der Diskursethik.40). Wie auch bei Kant wird in einem ersten Schritt also ein Verallgemeinerungsprinzip begründet, nach welchem problematisch gewordene Inhalte formal überprüft werden können. Dies findet allerdings anders als bei Kant in einem zweiten Schritt seine prozedurale Entsprechung in der Anwendung des praktischen Diskurses als eines Verfahrens der konsensorientierten Zustimmung.41) Erst auf dieser Stufe kommt es zu konkreten Inhalten, die durch die Argumentierenden selbst eingebracht werden müssen, um sie nach Maßgabe des Moralprinzips rational zu modifizieren.42)

Das kognitivistische Charakteristikum der Theorie zeigt sich in der begrifflichen Unterscheidung von Überreden und Überzeugen. Es wird unterstellt, dass sich Diskursteilnehmer*innen einander mit guten Gründen überzeugen und nicht mit ausschließlich rhetorischen Mitteln zu etwas überreden wollen.43) Moralische Normen erheben hier einen wahrheitsanalogen Geltungsanspruch, der die Bedingung dafür ist, dass sie in praktischen Diskursen begründet diskutiert werden können.44) Zwar fehlt moralischen Geltungsansprüchen der charakteristische Weltbezug, sodass Richtigkeit nicht der Wahrheit entspricht, aber statt einer objektiven Welt konstruieren wir uns eine soziale anhand interpersonaler Beziehungen. In dieser erschöpft sich nach Habermas der Sinn von Richtigkeit in ideal gerechtfertigter Akzeptabilität, d.h. der verdienten Anerkennung dank guter Gründe.45)

Hauptlinien der Theorieentwicklung

a. Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft

Die Diskursethik lässt sich im Rahmen der von Karl-Otto Apel begründeten Transzendentalpragmatik verstehen. Diese steht im Kontext eines weitgreifenden philosophischen Projekts einer an Peirce orientierten postmetaphysischen Transformation der Transzendentalphilosophie Kants. Vor allem das dualistische Bild seiner Zwei-Reiche-Lehre als unzureichend verwerfend, nimmt die Diskursethik die Wirklichkeit der sozialen Lebenswelt in den Blick. Die Möglichkeit freier Handlungen als Ausdruck einer subjektiven Spontanität erklärt der diskursethische Ansatz durch die Ergänzung einer Intersubjektivitätsdimension, die die transzendentalphilosophische Reflexion des einzelnen auf die soziale Mitwelt ausdehnt.46)

In Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft und die Grundlagen der Ethik vertritt Apel die These, dass die „in jeder Problemerörterung vorausgesetzte rationale Argumentation die Geltung universaler ethischer Normen voraussetzt.“47) Dieses Apriori der Argumentation ist für alle denkenden Wesen unhintergehbar und rechtfertigt alle begründeten menschlichen Ansprüche. Dazu heißt es konkret:

„Wer argumentiert, der anerkennt implizit alle möglichen Ansprüche aller Mitglieder der Kommunikationsgemeinschaft, die durch vernünftige Argumente gerechtfertigt werden können […], und er verpflichtet sich zugleich, alle eigenen Ansprüche durch Argumente zu rechtfertigen.“48)

Im Kern der transzendentalpragmatischen Variante der Diskursethik verweist Apel auf das Moralprinzip als eine Grundnorm, die für jedes denkende Wesen verbindlich ist, da diese nicht ohne Selbstwiderspruch sinnvoll bestritten werden kann.49) Für Apel ist der

„Sinn der moralischen Argumentation […] alle Bedürfnisse von Menschen - als virtuelle Ansprüche - zum Anliegen der Kommunikationsgemeinschaft zu machen […], die sich auf dem Wege der Argumentation mit den Bedürfnissen aller übrigen in Einklang bringen lassen.“50)

Eine Orientierung am Moralprinzip unter Realbedingungen sieht sich jedoch einem dialektischen Widerspruch zwischen realer und idealer Kommunikationsgemeinschaft gegenüber, was sich der Eigenart des Apriori verdankt. Als Argumentationsteilnehmer*in setzen wir gewisse Idealisierungen voraus, die wir in der Realität in den seltensten Fällen erfüllt finden und doch bleibt uns keine andere Wahl.51) Daher, folgert Apel, braucht es zwei regulative Prinzipien für eine langfristige moralische Handlungsstrategie:

„Erstens muß es in allem Tun und Lassen darum gehen, das Überleben der menschlichen Gattung als der realen Kommunikationsgemeinschaft sicherzustellen, zweitens darum, in der realen die ideale Kommunikationsgemeinschaft zu verwirklichen. […] Die Überlebensstrategie erhält ihren Sinn durch eine langfristige Emanzipationsstrategie.“52)

Mit Apels transzendentalpragmatischer Variante gelten als strikt letztbegründet alle Präsuppositionen, d.h. impliziten Voraussetzungen, ernsthafter Rede, die ein Skeptiker nicht ohne performativen Selbstwiderspruch bezweifeln kann, da er sie dann bereits selbst in Anspruch nehmen müsste.53) Die heutige Konzeption seiner transzendentalpragmatischen Diskursethik hat Karl-Otto Apel, in der Folge der Erwiderung kritischer Anmerkungen, insbesondere von Habermas, im Umkreis des Funkkollegs Praktische Philosophie weiterentwickelt und noch stärker auf die Faktizitätsbedingungen reale Diskurse bezogen.54)

b. Die Theorie des kommunikativen Handelns

In seinem grundlegenden Werk der Theorie des kommunikativen Handelns, die sich als Sprachphilosophie und Gesellschaftstheorie versteht, verknüpft Jürgen Habermas begrifflich-philosophische Explikationen mit inhaltlich soziologischen Fragestellungen. Auf der Ebene des Gründe-Gebens für ernsthaft erhobene Geltungsansprüche und ihrer Voraussetzungen legt seine Universalpragmatik den Sinn einer spezifisch menschlichen Praxis frei.55) Der Fokus seiner Untersuchungen zur kommunikativen Rationalität liegt auf gesellschaftstheoretischen Fragestellungen, in denen praktische Diskurse als spezieller Modus kommunikativen, d.h. verständigungsorientierten Handelns gelten.56) Verständigungsorientiertes Handeln, das über eine strategische Absicht hinausgeht, ist für Habermas die grundlegende gesellschaftliche Integrationsinstanz. Eine moderne, pluralistische Gesellschaft braucht diese Interaktionsform, die ohne jede funktionale Alternative ist, um nicht zu zerfallen.57) In der sozialen Welt begegnen sich mehrere Subjekte einander und koordinieren ihre Alltagspraxis mithilfe des kommunikativen Handelns, das sich seinerseits durch einen dreifachen Weltbezug auszeichnet und Sprache als Medium von Verständigungsprozessen voraussetzt.58) Kommunikatives Handeln bezeichnet demnach einen Typus von Interaktionen, die durch Sprechhandlungen koordiniert werden. Das am Konsens orientierte Subjekt erhebt mit seiner Äußerung drei Geltungsansprüche, auf Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit, die mit seinen Bezügen einer objektiven, sozialen und subjektiven Welt in Beziehung stehen.59) Vom kommunikativen unterscheidet Habermas das diskursive Handeln als seine reflexive Fortsetzung mit argumentativen Mitteln.60) Dieses ist insbesondere notwendig, wenn gemeinsame normative Grundlagen problematisiert werden. Insofern sind Diskurse ein Problemmodus verständigungsorientierten Handelns.61) Diskurse zeichnen sich durch ihre prinzipielle Entscheidbarkeit zugrundeliegender Fragestellungen aus:

„Von ‚Diskursen’ will ich nur dann sprechen, wenn der Sinn des problematisierten Geltungsanspruches die Teilnehmer konzeptuell zu der Unterstellung nötigt, daß grundsätzlich ein rational motiviertes Einverständnis erzielt werden könnte, wobei ‚grundsätzlich’ den idealisierenden Vorbehalt ausdrückt: wenn die Argumentation nur offen genug geführt und lange genug fortgesetzt werden könnte.“62)

Des „eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“63) Rechnung tragend, ist es diese Teilnehmerperspektive, welche die Diskursethik von anderen Theorien unterscheidet, in denen Diskurse aus einer Beobachterperspektive heraus analysiert werden, wie etwa in der Diskurstheorie Michel Foucaults.64)

c. Notizen zu einem Begründungsprogramm - <D> <U>

Eine eigene moralphilosophische Betrachtung der mit Apel angestoßenen Untersuchung der Bedingungen der Möglichkeiten realer Diskurse und der Begründung des Moralprinzips findet sich in Habermas Aufsatz Diskursethik - Notizen zu einem Begründungsprogramm, der erstmals, anlässlich Apels 60. Geburtstages, im Band Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, erschienen ist.65) Habermas entwickelthierin seine universalpragmatische Variante der Diskursethik, die neben metaethischen Präzisierungen insbesondere eine grundlegende Kritik der transzendentalpragmatischen Variante Apels enthält.66) Die Kritik bezieht sich im Wesentlichen auf den Versuch der Letztbegründung eines Moralprinzips und dem Vorschlag spezifischer moralischer Strategien.67) Um sich die metatheoretische Ebene zu verdeutlichen ist es hilfreich zwei Begründungsfragen voneinander zu unterscheiden, nämlich erstens wie ethische Normen generell zu begründen sind und zweitens wie die begründenden Prinzipien selbst begründet werden können. In der Auseinandersetzung mit Apel ist vor allem die zweite Begründungsfrage relevant.68) Habermas bestreitet die Möglichkeit einer Begründung des obersten Moralprinzips durch die unmittelbare Entnahme ethischer Gehalte aus den Voraussetzungen der Argumentation. Denn alle Normen bedürfen stets der Begründung innerhalb praktischer Diskurse.69) Im Verhältnis zur Theorie des kommunikativen Handelns ist Habermas’ Diskursethik eine Spezialtheorie und befasst sich nun vorrangig mit der Begründung der Gültigkeit des Universalisierungsgrundsatzes <U> und den unausweichlichen Präsuppositionen praktischer Diskurse.70) Im Gegensatz zum Moralprinzip lassen sich diese als normativ gehaltvolle Argumentationsregeln transzendentalpragmatisch ableiten.71) In seinem Ansatz treten sie als Diskursregeln an die Stelle der unmittelbaren Begründung der Verbindlichkeit des Moralprinzips.72) Die Rationalitätsanforderungen von praktischen Diskursen aufgreifend, unterscheidet Habermas in Anlehnung an den Kieler Rechtsphilosophen Robert Alexy zunächst drei Ebenen von Argumentationsvoraussetzungen, die jeweils Diskursregeln, als eine Form der Darstellung pragmatischer Voraussetzungen einer ausgezeichneten Redepraxis, enthalten.73) Für die logisch semantische Ebene lauten diese:74)

  • (1.1) Kein Sprecher darf sich widersprechen.
  • (1.2) Jeder Sprecher, der ein Prädikat F auf einen Gegenstand a anwendet, muß bereit sein, F auf jeden anderen Gegenstand, der a in allen relevanten Hinsichten gleicht, anzuwenden.
  • (1.3) Verschiedene Sprecher dürfen den gleichen Ausdruck nicht mit verschiedenen Bedeutungen benutzen.

Im Gegensatz zu den ersteren haben die Diskursregeln auf Ebene der kollektiven Wahrheitssuche ersichtlich ethischen Gehalt:75)

  • (2.1) Jeder Sprecher darf nur das behaupten, was er selbst glaubt.
  • (2.2) Wer eine Aussage oder Norm, die nicht Gegenstand der Diskussion ist, angreift, muß hierfür einen Grund angeben.

Der ethische Kerngehalt praktischer Diskurse zeigt sich nach Habermas besonders auf der Ebene rhetorischer Regeln, einer auf die Voraussetzungen der unbegrenzten Kommunikationsgemeinschaft zielenden Ebene:76)

  • (3.1) Jedes sprach- und handlungsfähige Subjekt darf an Diskursen teilnehmen.
  • (3.2)
    • a. Jeder darf jede Behauptung problematisieren.
    • b. Jeder darf jede Behauptung in den Diskurs einführen.
    • c. Jeder darf seine Einstellungen, Wünsche und Bedürfnisse äußern.
  • (3.3) Kein Sprecher darf durch innerhalb oder außerhalb des Diskurses herrschenden Zwang daran gehindert werden, seine in (3.1) und (3.2) festgelegten Rechte wahrzunehmen.

Diese Präsuppositionen argumentativer Rede lassen sich über die Figur des performativen Widerspruchs diskursreflexiv identifizieren und begründen, und daraus der Universalisierungsgrundsatz <U> in Verbindung mit einer Idee der Rechtfertigung von Normen, auf dem Wege akzeptabler Begründungen, ableiten. Daraus ergebe sich letztlich <D>.77)

d. Diskurs und Verantwortung - Ergänzungsprinzip <E>

Habermas’ Variante unterscheidet sich nicht nur in der Begründung von der Apels, sondern auch darin wie die konkrete Orientierung am Universalisierungsgrundsatz als Moralprinzip erfolgen soll. In Vermeidung eines moralischen Rigorismus, nach welchem <U> einen unter allen Umständen verpflichtenden Charakter annimmt, braucht es nach Apel einer verantwortungsethischen Vermittlung, die er in Diskurs und Verantwortung mit dem Ergänzungsprinzip <E> ausgearbeitet hat.78)

Für Habermas scheint sich auf der einen Seite kein weiterer Handlungsbedarf zu ergeben, „da sich der Diskursethik selbst die verantwortungsethischen Gesichtspunkte […] entnehmen lassen.“79) Andererseits gesteht er aber ein, dass die konkrete Anwendung des Universalisierungsgrundsatzes Probleme mit sich bringt, die der Abstraktionsleistung universalistischer Moralen inhärent und auf das Entgegenkommen rationalisierter Lebensformen angewiesen ist.80)

Für Apel besteht das Problem darin, dass die in <U> unterstellte Normenbefolgung einen kontrafaktischen Charakter hat, da in Wirklichkeit niemals alle die Normen befolgen, die für sie erst dann akzeptabel wären, wenn sie wirklich von allen befolgt würden81):

„die vorgeschlagene Formel (U) wäre als hinreichendes Verfahrensprinzip für die Lösung aller Probleme der Normenbegründung bzw. Normenlegitimation akzeptierbar, wenn wir (schon) unter den Bedingungen der im argumentativen Diskurs kontrafaktisch antizipierten idealen Kommunikationsgemeinschaft lebten; oder: […] wenn so etwas wie ein vernünftiger Neuanfang innerhalb der Geschichte möglich wäre.“82)

Zwar auf der Ebene des argumentativen Diskurses, nicht jedoch auf der Ebene der geschichtsbezogenen Anwendung, kann das ideale Prinzip einer post-konventionellen Verantwortungsethik daher gelten.83) Zwischen utopisch-revolutionärer Neukonzeption und der pragmatischen Bescheidung auf eine Klugheitsmoral orientiert Apel seine Suche nach einem dritten Weg am „Problem der Realisierung der geschichtlichgesellschaftlichen Bedingungen der Anwendung einer Diskursethik in einer Welt des primär strategischen Handelns der Selbstbehauptungssysteme.“84) In einer, als Teil B bezeichneten, Unterscheidung der Ethik, die als Übergang zur Realisierung der Anwendungsbedingungen der Diskursethik verstanden werden soll, begegnet Apel diesem Problem.85) Durch die Einbeziehung bereitserwähnter moralischer Strategien als Teilprinzipien von <E> soll eine verantwortungsethische und teleologische Ergänzung den Moraladressaten die Mitarbeit an der Erhaltung und Realisierung idealisierter Bedingungen unter Orientierung an <U> erst zumutbar machen. Die Einführung eines weiteren Prinzips führte in der Folge zu unterschiedlichen Ansichten darüber, welches davon (<D>, <U> oder <E>) als eigentliches Moralprinzip anzusehen sei, an dem sich die Handelnden konkret zu orientieren hätten.86) Allgemein verweist Apels Konzeption der Zumutbarkeit moralischen Handelns unter den Bedingungen einer nicht-idealen Kommunikationsgemeinschaft auf die Idee der angewandten Diskursethik als ein Problem der politischen Verantwortungsethik.87)

e. Erläuterungen zur Diskursethik

Habermas macht sich die Apelsche Überlegung, dass eine ausschließliche Orientierung an <U> unter den Bedingungen realer Diskurse unzumutbar sein könnte, auf seine Weise zu Eigen. In seinen Erläuterungen zur Diskursethik unterscheidet er streng zwischen Anwendungs- und Begründungsdiskursen, die je verschiedene Perspektiven praktischer Vernunft aufweisen.88) Während in Begründungsdiskursen das Kriterium der Gültigkeit prima facie (lat. auf den ersten Blick) und in Anwendungsdiskursen die Angemessenheit der zu rechtfertigenden Normkandidaten geprüft wird, tritt das Kriterium der Zumutbarkeit ihrer Befolgung als verantwortungsethische Entsprechung der Frage nach der Zumutbarkeit von Moral selbst hinzu.89) Diesen Bereich bezeichnet er später als eine der Grenzen der Moral, die eine Ergänzung durch ein System des Rechts begründen.90) Eine moralisch verpflichtende Mitarbeit an der Herstellung idealer Kommunikationsbedingungen sieht Habermas jedoch nicht.91) Die von Apel und Wolfgang Kuhlmann ausgearbeitete These, dass die reflexiv erkennbaren Präsuppositionen vernünftiger Rede jede beteiligte Person auf die Erhaltung und Beförderung einer idealen Sprachgemeinschaft verpflichten, liegt dem epistemischen Fallibilitätsprinzip voraus, welches Habermas zur vorbehaltlosen Grundlage seiner gesamten Theorie macht. Seine universalpragmatische Variante vermeidet erkennbar Konflikte mit dem Fallibilismus, da hiermit die Theorie des kommunikativen Handelns und letztlich sie selbst in Gefahr geraten könnte.92) Habermas verwirft daher Apels Ergänzungsprinzip: Eine Neu-Architektonik der Diskursethik ist von vornherein falsch angelegt, da die entsprechenden Diskurse des Rechts, der Politik oder der Wirtschaft bereits die verantwortungsethische Vermittlung leisten und Fragen individueller Zumutbarkeit faktischer Normenbefolgung im Bereich deontologischer Handlungsverpflichtungen auch bereits ohne einen übergeordneten Diskurs entschieden werden.93)

Seine Kritik am Letztbegründungsprogramm94) bezieht sich wesentlich auf drei Gründe. Da erstens Diskurse als Reflexionsformen kommunikativen Handelns auf die strukturellen Ressourcen der Lebenswelt angewiesen sind, können ihre Voraussetzungen auch nicht den Veränderungen menschlicher Lebensformen transzendental entzogen sein. Zudem können Präsuppositionen zweitens selbst keine Moralnormen sein, da diese in anderer Weise nötigen als Sollensnormen.95) Denn es ist zwischen dem „‚Muß’ einer schwachen transzendentalen Nötigung“96) und dem „präskriptiven ‚Muß’ einer Handlungsregel“97) zu unterscheiden. Und drittens ist der Diskurs über Diskursethik kein unabhängiger Metadiskurs, sondern kooperativ auf die empirisch-rekonstruktiven Wissenschaften angewiesen, weshalb eine Letztbegründung weder wünschenswert noch möglich ist.98) Die hypothetische Rekonstruktion pragmatischer Argumentationsvoraussetzungen ist von ihrem Status her bereits fallibel und kann nicht im klassischen Sinn transzendental selbstreflexiv durchgeführt werden.99)

f. Faktizität und Geltung - Auflösung der Diskursethik?

In seinem Hauptwerk Faktizität und Geltung delegiert Habermas die Frage der allgemeinen Befolgung und der Zumutbarkeit gültiger Moralnormen an das Rechtssystem100): „Gültige Normen sind nur dann zumutbar, wenn sie gegen abweichendes Verhalten faktisch durchgesetzt werden können.“101) Ein dem postkonventionellen Begründungsniveau der Vernunftmoral geschuldeter Legitimitätsentzug traditional beglaubigter Institutionen kann durch die Moral selbst nicht operativ rekonstruiert werden und muss daher durch das Handlungssystem des positiven Rechts funktional ergänzt werden.102) Doch nicht nur der Kompensationsbedarf erklärt seine spezifischen Leistungen:

„Die Moral kann […] über ein Rechtssystem, mit dem sie intern verknüpft bleibt, auf alle Handlungsbereiche ausstrahlen, sogar auf jene systematisch verselbständigten Bereiche mediengesteuerter Interaktionen, die die Akteure von allen moralischen Zumutungen, außer der einzigen eines generalisierten Rechtsgehorsams, entlasten.“103)

Mit einer bereits in seinen Erläuterungen vollzogenen Unterscheidung moralischer und ethischer Fragestellungen, in Fragen der gleichmäßigen, d.h. gerechten Berücksichtigung der Interessen aller und Fragen des lebensformbezogenen kollektiven Selbstverständnisses, konstruiert die Diskurstheorie der Moral nur einen kleinen Teil des Problemfeldes praktischer Vernunft. Mit einem an sich moralisch neutralen Diskursprinzip <D> ermöglicht Habermas nun eine Spezifizierung anhand verschiedener Fragestellungen, aus der das Moralprinzip <U> unter dem Gesichtspunkt gleichmäßiger Interessenberücksichtigung und das neu eingeführte Rechts- bzw. Demokratieprinzip von rechtsförmig auftretenden Handlungsnormen gleichursprünglich hervorgehen. Entscheidend ist, aus welchen Gründen eine Rechtfertigung erfolgt, ob ausschließlich aus moralischen, oder auch ethisch-politischen und pragmatischen Gründen.104) Hier verzweigt sich die Diskursethik: Der Diskurstheorie der Moral tritt eine Diskurstheorie des Rechts an die Seite, die eine vernünftige politische Willensbildung institutionalisieren und sich als das Medium des gemeinsamen Willens frei assoziierter Rechtsgenossen funktionalisieren lässt.105)

Die für Apel problematische Abkopplung der Moralphilosophie, als Prinzip universalgültiger Gerechtigkeit, vom Diskursprinzip <D>, bei gleichzeitigem Festhalten als einer normativ gehaltvollen Grundlage für die Ausdifferenzierung praktischer Diskurse, erscheint ihm als widersprüchlich und mehr noch als eine Auflösung des gemeinsamen Projekts einer Diskursethik.106) Das „Hauptmotiv“ für dieses Vorgehen vermutet Apel darin, „daß nun auch das Recht […] diskurstheoretisch begründet werden soll“107). Zwar bedarf es einer normativen Differenzierung zwischen dem Moral- und dem Rechtsprinzip, aber diese ist nicht durch die Entmoralisierung des Diskursprinzips zu erreichen, sondern durch eine normative Erweiterung, die eine Verantwortung für die Herstellung der Anwendungsbedingungen und die Kompensation der Nichtanwendbarkeit eines kontrafaktischen <U> beinhalte. Hier rekurriert Apel erneut auf den von ihm eingeführten Begründungteil B der Diskursethik.108)

Mit Micha Werner lässt sich fragen, ob die Tatsache der unzureichenden Befolgung moralischer Normen überhaupt einen Grund darstellt, diese unter den Verdacht der Unzumutbarkeit zu stellen, wenn keine daraus resultierenden moralischen Härten zu erwarten sind. Und, ob es nicht ausreichen könnte, die Begründung situationsspezifischer Handlungsorientierungen als prinzipiell unabgeschlossenen Prozess von hinreichend begründeten Prima-facie-Orientierungen zu verstehen.109)

4. Rezeption und Relevanz der Diskursethik

a. Rezeption und kritische Würdigung

Der Diskursethik ist eine breite Rezeption zuteilgeworden, die sie seinerzeit neben John Rawls’ wichtigen zeitgenössischen Ansatz kantischer Tradition zur, auch heute noch, viel beachteten Theorie wissenschaftlicher Forschung hat werden lassen. Die hieraus hervorgehenden Kritikpunkte sind von Apel und Habermas in Ergänzungen und Differenzierungen ihrer Ansätze aufgenommen worden. Es hat immer wieder Diskussionsbedarf gegeben, und es gibt ihn nach wie vor in zentralen Fragestellungen. Hierunter fallen das Problem des Verhältnisses von Normenbegründung und -anwendung, die abstrakte Perspektive der Moral, das Verhältnis von Ethik und Moral, der konstruktivistische Charakter der Diskursethik und schließlich der normative Status des Diskursprinzips.110) Auch ist eine kohärente Argumentationstheorie als das größte Desiderat bezeichnet worden.111) Neben den beiden bekanntesten Repräsentanten der Diskursethik haben zahlreiche Philosophen zu ihrer Weiterentwicklung beigetragen und sich in unterschiedlicher Weise von der ursprünglichen Diskursethik der einen wie der anderen Variante abgesetzt. Als eine Art Rahmenethik verstanden, bietet sie verschiedenartigen ethischen Argumenten innerhalb eines diskursreflexiv begründbaren normativen Rahmens Möglichkeiten zur Fundierung.112) So kann man letztlich auf recht unterschiedliche Weise Diskursethiker*in sein.113) Diskursethiker*innen sind nicht auf die Explikation der Diskursregeln oder die Begründung von moralischen Prinzipien festgelegt, sondern äußern sich in praktischen Fragen mit eigenen Beiträgen. Sofern sie das tun, wechseln sie allerdings ihre Rolle von der eines (professionellen) Ethikers zu der einer moralischen Person.114) Auf diese Weise verstanden, kann dem theorieimmanenten Misstrauen gegenüber institutionalisierten Expertendiskursen zu bereichsethischen Fragen Rechnung getragen und an das partizipatorische Ideal der diskursiven Einbeziehung aller Betroffenen erinnert werden.115)

Metaethisch betrachtet hat die Entwicklung der Diskursethik das Verständnis von einer deontologischen Moraltheorie präzisiert und erweitert. Die Integration der Handlungsfolgen- und Reziprozitätsorientierung im jeweiligen Kriterium der Gültigkeit setzt die Diskursethik von der klassisch-kantischen Ethik ab. Sie lässt sich daher als Verantwortungsethik einer deontologischen Moraltheorie zweiten Typs verstehen, die zwischen Gültigkeit und Befolgungsgültigkeit moralischer Normen unterscheidet. Die Erweiterung des Kategorischen Imperativs durch das Merkmal der Reziprozitätsverantwortung etabliert die Diskursethik als praktische Ethik.116) Die Einführung einer dialogischen, intersubjektiven Grundstruktur in die Ethik, darf als das große Verdienst Apels und Habermas’ ausgemacht werden. Die der Kritik entsprechenden vielfältigen Neukonzeptionen lassen aber auch Begründungs- und Anwendungsprobleme erkennen, die eine Verwendung als „kognitivistisches Rahmenkonzept“ sinnvoll erscheinen lassen.117) Der ursprüngliche Ansatz der Diskursethik führt nach wie vor zu Weiterentwicklungen in einem nicht abgeschlossenen Prozess und unterstreicht so die lang anhaltende Produktivität der Theorie.118)

b. Relevanz für Fragen der angewandten Ethik

Lag der Schwerpunkt des Forschungsprogramms zunächst in der Begründung des Moralprinzips und in Fragen an dessen Orientierung, spielten Probleme der angewandten Ethik erst seit Mitte der 1980er Jahre eine Rolle. Insbesondere der spezifische Charakter der Diskursethik als eine prozedurale Rahmenethik macht relativ komplexe Vermittlungsschritte nötig, um das diskursethische Moralprinzip auf bestimmte Situationen anzuwenden.119) Die Erweiterung einer Diskursethik über ihren formalen Kern hinaus zu verschiedenen paradigmatischen Anwendungen führt „zu einem schrittweisen und diskursrational kontrollierbaren Zugewinn an normativem Gehalt“ 120) und spezifizierenden Modifikationen in Bezug auf diskursive Verfahren.121) Bereichsspezifisch sind insbesondere diskursethische Beiträge zur Wirtschafts-, Wissenschafts-, Technik-, Bio-, Medizin- und Umweltethik hervorzuheben.122) Hierunter fällt der Bezug auf universell gültige Moralnormen bzw. die Begründung basaler Normen spezifischer Praxisfelder.123) Habermas selbst bezieht die paradigmatische Anwendung der Diskursethik vor allem auf Menschen- und Bürgerrechte.124)

In einer exemplarischen Vermittlung mit der Umweltethik problematisiert Habermas aber auch die Frage nach der Wirkung der inhärent anthropozentrischen Ausrichtung der Diskursethik. Diese „scheint Theorien des Kantischen Typs im Ansatz blind zu machen für Fragen, die sich aus der moralischen Verantwortung für seine nichtmenschliche Umwelt ergeben.“125) Er selbst vertritt anthropozentrisch

„Moral als eine Schutzvorrichtung […], die eine in soziokulturellen Lebensformen strukturell eingebaute Verletzbarkeit kompensiert. In diesem Sinne versehrbar und moralisch schonungsbedürftig sind Lebewesen, die allein auf dem Wege der Vergesellschaftung individuiert werden.“126)

Eine nach Günther Patzig vorgeschlagene Lösung für die moralische Berücksichtigung von Tieren durch die asymmetrische Verteilung von Rechten und Pflichten, graduell abhängig von ihrer Schmerzempfindlichkeit, lehnt Habermas mit Verweis auf das deontologische Konzept der Pflicht ab.127) Stattdessen plädiert er für eine moralanaloge Verpflichtung gegenüber Tieren. Auch wenn diesen keine Personalität zugeschrieben werden kann, so muss doch ein gewisses Gefährdungspotential in sozialen Interaktionen zugebilligt werden, welches sie moralanalog als ein schonungsbedürftiges Gegenüber auszeichnet; aber nur dann, wenn wir ihnen die Fähigkeit zuschreiben können, nichtsprachliche Äußerungen an uns zu richten und sie durch soziale Interaktionen in unsere Lebensform einbeziehen.128) Diese noch im Anthropozentrismus verfangene Lösung des Inklusionsproblems mit diskursethischen Mitteln, hat Werner durch seine Argumentation überwunden und damit gezeigt, dass die Diskursethik in umwelt- bzw. tierethischer Hinsicht keineswegs auf anthropozentrische Lösungen festgelegt ist.129) In Kurzform lautet sein Argument:

„Wenn Personen im Diskurs übereinstimmen, dass sie einander weiterhin mit Sorgfalt und Respekt behandeln sollten, selbst wenn einige von ihnen etwa durch Krankheit oder Unfall alle Merkmale verlieren sollten, die für den Personenstatus konstitutiv sind, aber empfindungsfähig bleiben, dann gibt es keine gültigen moralischen Gründe, natürliche Wesen, die ebenfalls empfindungsfähig sind, aber niemals Personen werden können, ohne diese Sorgfalt und entsprechenden Respekt zu behandeln.“130)

Das im Rahmen der Diskursethik entwickelte sentientistische Argument Werners lässt sich mit Ott auf seine biozentrische Erweiterung prüfen, indem die diskursive Übereinkunft auf die Möglichkeit von Wahrnehmungen ausgedehnt wird und damit alle natürlichen Lebewesen einschließt.131)

Quellenverzeichnis

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Frühere Versionen und Autoren

1) , 37) , 54)
Niquet 2010, S. 439
2) , 24) , 31)
Forst 2015, S. 306
3)
Ott 2014, S. 14 f
4)
2005, S. 150 f
5) , 7) , 9) , 25) , 40)
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6)
Gottschalk-Mazouz 2000, s. 15ff
8) , 11)
Ott 2013, S. 163
10)
Ott 2005, S. 151 f
12)
Gorgias 487a
13) , 18) , 43)
Ott 2013, S. 164
14)
Frank 2001, S. 26 ff
15)
Humboldt 1963, S. 418
16)
Humboldt 1963, S. 419
17)
Humboldt 1963, S. 366
19)
Ott 2014, S. 57
20)
Ott 2005, S. 150
21)
Buber 1995, S. 6
22) , 49)
Werner 2002, S. 147
23) , 70) , 114) , 120) , 129)
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26)
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27)
Werner 2002, S. 141
28) , 35) , 38) , 41)
Gottschalk-Mazouz 2000, S. 17
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Gottschalk-Mazouz 2000, S. 16
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Kambartel 1979, S. 68
33)
Kambartel 1979, S. 68; Eigene Anmerkung: In diesem und in allen folgenden Zitaten ist aus Gründen der formalen Einheitlichkeit auf die teilweise in kursiv gesetzte Schreibweise der Originalquellen bewusst verzichtet worden. Kursiv gesetzt sind ausschließlich die Namen der Werke selbst.
34) , 44)
Forst 2015, S. 307
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Habermas 2009, S.397
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Apel 1976, S. 429
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.Apel 1976, S.431f
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60) , 64)
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Niquet 2010, S.440
67) , 72)
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Forst 2015, S.235
69) , 71)
Habermas 1983, S. 96
73)
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74)
Im Folgenden zitiert nach Habermas „Diskursethik. Notizen zu einem Begründungsprogramm“, in: Ders. (Hrsg.) Diskursethik, Frankfurt a. Main 2009, S. 87
75)
Im Folgenden zitiert nach Habermas 2009, S.88
76)
Habermas 2009, 89f
77)
Habermas 1983, S. 81 u. 100ff
78)
Werner 2002, S. 148f
79)
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80)
Habermas 1983, S. 116ff
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Werner 2002, S.149
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Apel 1988, S. 128
83)
Apel 1988, S. 127
84) , 85)
Apel 1988, S. 134
86) , 91) , 100)
Werner 2002, S. 149
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90)
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Ott 2013, S. 165
93) , 95)
Niquet 2010, S. 441
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96) , 97)
Habermas 2009, S. 261f
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Habermas 1994, S. 148
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Habermas 1994, S. 149f
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Habermas 1994, S.150
104)
Habermas 1994, S. 143
105)
Apel 1998, S. 733f
106)
Apel 1998, S. 733ff
107)
Apel 1998, S. 734
108)
Apel 1998, S. 736
109)
Werner 2002, S. 149f
110)
Forst 2015, S. 237f
111)
Ott 2013, S. 167
112) , 119) , 122)
Werner 2002, S. 150
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Ott 1997, S. 166
115)
Werner 2002, S.150
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Niquet 2010, S.442
117)
Gottschalk-Mazouz 2000, S.292f
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Habermas 1994, Kap. III
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Habermas 2009, S. 122
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Habermas 2009, S. 295f
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Ott 2014, S. 119
131)
Ott 2014, S. 119f