Audio-Feature: Bryan G. Norton - Intergenerationale Pflichten

Patricia Hölscher (Januar 2021)

Durch den Einsatz von adaptivem Ökosystemmanagement zu generationenübergreifender Gerechtigkeit: Als einer der führenden Vertreter des Umweltpragmatismus propagiert Bryan G. Norton in dem von ihm entwickelten Adaptive Management-Ansatz den Erhalt kulturell geprägter Naturräume und lehnt die Ökonomisierung der Umwelt sowie die damit einhergehende Monetarisierung von Natur strikt ab. Norton hält es für elementar, nicht Warenwerte sondern moralische Werte an zukünftige Generationen weiterzugeben. Hierbei vertritt er eine kommunitaristische Konzeption intergenerationaler Pflichten. Probleme wie etwaige Distanz zwischen Mitgliedern der einzelnen Generationen oder mögliche Unwissenheit hinsichtlich der in der Zukunft vertretenen Werte lässt Norton nicht gelten. Aber - sind wir nachfolgenden Generationen überhaupt zu etwas verpflichtet?

Literatur

  • NORTON, Bryan G. (2005): Sustainability. A philosophy of Adaptive Ecosystem Management. Chicago, London: University of Chicago Press.

Internetquellen

  • FRIDAYS FOR FUTURE (2019): Demonstration im Invaliden Park. Berlin. https://youtu.be/5R-QLpxr3oE [zuletzt abgerufen am 06.01.21].
  • GUND INSTITUTE FOR ENVIRONMENT (2006): Environmentalism as Adaptive Management. Vermont. https://youtu.be/KwlQwILU1mg [zuletzt abgerufen am 06.01.21].

Begleitende Ausarbeitung: Die Logik intergenerationaler Pflichten

Patricia Hölscher (Mai 2021)

1 Kontextuelle Verortung

In den Kapiteln 8.5 bis 8.7 seines Werkes Sustainability. A philosophy of Adaptive Ecosystem Management setzt sich Bryan G. Norton vor dem Deutungshorizont des umweltethischen Pragmatismus1) mit dem Themenkomplex der intergenerationalen Gerechtigkeit auseinander. Ein besonderes Augenmerk richtet er dabei auf die den zukünftigen Generationen gegenüber entstehenden Pflichten gegenwärtig lebender Generationen. Der Schlüssel zu jeglicher Form von generationenübergreifender Gerechtigkeit liegt für ihn im adaptiven Ökosystemmanagement oder kurz Adaptive Management, ein Konzept, dessen Urheber er ist. Grundlegend „[soll] [d]as adaptive Ökosystemmanagement nach Norton eine ethische Orientierungsfunktion in der Lösung konkreter Natur- und Umweltprobleme übernehmen, indem in diesem die theoretischen Mittel unvoreingenommen und mit Blick auf die ökologische Praxis weiterentwickelt werden“ (Braun 2017: 163 f.). Um die Herstellung von intergenerational gerechten Zuständen voranzutreiben, richtet Norton den Fokus in der Praxis auf den Erhalt von Naturräumen – jedoch nicht ausschließlich um einer fortdauernden Erlebbarkeit der jeweiligen Orte willen, sondern auch auf Grund der kulturellen Werte, die diesen Orten zugeschrieben werden. Durch die im Anschluss an demokratische Entscheidungsprozesse vorgenommenen Wertzuschreibungen, die Weitergabe dieser Werte sowie das Bewahren kollektiv gestalteter Orte soll eine Gemeinschaft entwickelt werden, von der anzunehmen ist, dass sie auch in Zukunft gegenwärtige Ideale, Ideen und Institutionen aufrechterhält. „At the heart of this value-articulation-and-transmission process is a particular dialectic between nature and culture, a dialectic that is unfolding in a given place“ (Norton 2005: 331). Entscheidend ist, dass es sich hierbei um ein Vorgehen von transformativer Natur handelt, Norton stellt nicht auf eine reine Konservierung von Werten ab: „The key to an emergent expression of community values […] is a two-phase system of action and reflection. Iterative phasing allows for social learning and adaptation through experimental action, and the possibility of such learning, in turn, supports the attention to democratic procedure that I am proposing” (ebd.: 343). Umwelt- und Naturschutz wird somit die Funktion einer Konstante im gesellschaftlichen Wandel zuteil, gleichzeitig fungiert insbesondere Adaptive Management als Treiber von Gemeinschaftsbildungsprozessen.

Norton lehnt die Ökonomisierung der Umwelt sowie die damit einhergehende Monetarisierung von Natur strikt ab. Er hält es für möglich, zukünftigen Menschen durch Naturzerstörung nicht kompensierbare Schäden zuzufügen, selbst wenn die Betroffenen, wirtschaftlich gesehen, wohlhabender sind als gegenwärtig lebende Generationen: „This harm, […] is harm to communal values, values that cannot be broken down into bits of individual welfare” (ebd.: 337). Daher ist es für Norton von elementarer Bedeutung, nicht Warenwerte, sondern moralische Werte an zukünftige Generationen weiterzugeben und das unabhängig davon, ob gegenwärtig lebende Menschen in der Lage sind, Wünsche und Bedürfnisse nachfolgender Generationen bereits heute differenziert zu bestimmen: „If we can be fair to the future only if we can predict future people's needs in detail, then there will always be an impossible task at the heart of all specific (strong) sustainability requirements. The impossibility of the task, however, is an artifact of the assumptions introduced in order to formulate the problem of intergenerational fairness as a matter of welfare comparison” (ebd.: 334). Die Weitergabe moralischer Werte betreffend vertritt Norton eine kommunitaristische2) Konzeption intergenerationaler Pflichten, was bedeutet, dass niemand aus der Moralgemeinschaft ausgeschlossen werden darf und sich die Verpflichtungen zur Weitergabe von Werten auf alle zukünftigen Generationen erstrecken. Probleme wie eine etwaige Distanz zwischen den Mitgliedern der einzelnen Generationen oder mögliche Unwissenheit hinsichtlich der in der Zukunft vertretenen Werte lässt Norton nicht gelten (vgl. ebd.: 329 ff.). Folgt man der Argumentation Nortens bis hierher, stellt sich nun die Frage, wie sich die moralischen Werte, die unter Zuhilfenahme von Adaptive Management an zukünftige Generationen weitergegeben werden sollen, bestimmen und konkretisieren lassen. Welcher Logik folgt die Auswahl der Werte, welche Nachhaltigkeitsgrammatik liegt den moralischen Verpflichtungen gegenwärtiger Generationen zugrunde? Norton geht auf zwei Ansätze zur Beantwortung dieser Fragen näher ein und stellt den von ihm präferierten hybriden Ansatz einer deontologischen Konzeption gegenüber. Er legt außerdem dar, warum der hybride Ansatz in seinen Augen vorteilhafter ist als die pflichtethische Alternative. Im Folgenden soll eine Betrachtung beider Ansätze vorgenommen sowie ein kurzes Fazit gezogen werden.

2 Deontologischer versus Hybrider Ansatz

Eine erste entscheidende Orientierung hinsichtlich der Bestimmung und Konkretisierung der weiterzugebenden – und damit gegenwärtig zu lebenden – Werte bietet das von Norton vertretene Konzept der Starken Nachhaltigkeit. „Strong sustainability […] specifies limits on substitution, requiring that there must be limits to the replacement of natural assets with human-built ones. It more strongly constrains action by delegitimating actions that destroy certain ‚stuff‘“ (ebd.: 307). Ökosystemmanager:innen sollten sich demnach zum Ziel setzen, ihrer Arbeit einen Ansatz zugrunde zu legen, der die Bedingungen Starker Nachhaltigkeit erfüllt. Für Norton trifft das sowohl auf den deontologischen als auch auf den hybriden Ansatz zu, welchen er präferiert. Die Gründe für Nortons Präferenz werden im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung dargestellt, zu Beginn wird dafür zunächst der deontologische Ansatz in den Blick genommen.

Der deontologische Ansatz kann vordergründig als rechtebasiert beschrieben werden. Einer seiner Vertreter, Peter Brown, rekurriert beispielsweise auf John Locke und dessen Konzeption eines fundamentalen Rechtekanons aus dem Jahr 1689 (vgl. ebd.: 340), welcher unter anderem die amerikanische Verfassung stark beeinflusste. Locke benennt Leben, Freiheit und Eigentum als Grundrechte. Die Menschen sind frei, „innerhalb der Grenzen des Gesetzes der Natur ihre Handlungen zu regeln und über ihren Besitz und ihre Persönlichkeit so zu verfügen, wie es ihnen am besten scheint, ohne dabei jemanden um Erlaubnis zu bitten oder vom Willen eines anderen abhängig zu sein“ (Locke 1967: 201, §4). Nach Brown gilt die Lockesche Rechtetrias – beziehungsweise die von ihm vorgenommene Weiterentwicklung3) dieser – für gegenwärtig existierende, aber auch für alle zukünftig lebenden Menschen. Der Schutz besagter Rechte stellt für Brown eine Pflicht der heutigen Generation dar: „It is individuals who have the duties in the first place. It is the duty of government to see that these obligations are discharged by those within its borders toward others within its borders. It is the duty of other governments and global civil society to assist those governments that cannot, and to sanction those governments which do not, discharge these most fundamental obligations” (Brown 2001: 21 zitiert nach Norton 2015: 341).

Eine weitere Vertreterin des deontologischen Ansatzes, Edith Brown Weiss, setzt sich im Rahmen des Umweltvölkerrechts mit Gerechtigkeit zwischen Generationen auseinander. Sie rückt hierbei globale Pflichten in den Mittelpunkt. „Nach Brown Weiss verlangt die ‚intergenerationelle Gerechtigkeit‘ […], dass jede Generation den Planeten – sowie dessen natürliche und kulturelle Ressourcen – in keinem schlechteren Zustand weitergibt, als sie ihn selber empfangen hat. Davon leitet Brown Weiss das Bild einer ‚planetarischen Treuhand‘ (planetary trust) ab, wobei die gegenwärtige Generation kein Eigentümer des Planeten sei, sondern ein Treuhänder (trustee) für künftige Generationen, die deshalb ‚Empfänger‘ (beneficiary) der Treuhand und gleichzeitig Treuhänder für noch künftigere Generationen seien“ (Bordin 2007: 253). Alle Generationen haben nach Brown Weiss also die gleichen Rechte und Pflichten die vorhandenen natürlichen Ressourcen betreffend.

Norton beschäftigt sich in seiner Einschätzung des deontologischen Ansatzes mit diesem vorangehend skizzierten Rechteverständnis. Er führt seine Kritik in drei Punkten aus. Erstens definiert Norton Rechte, anders als die Vertreter:innen des deontologischen Ansatzes, als „construction of communities” (Norton 2015: 341) und buchstabiert den Rechtsbegriff demnach wie folgt aus: „[R]ights and obligations are reflections of community practices, not ultimate reasons to justify actions” (ebd.). Basierend auf dieser Definition mangelt es dem deontologischen Ansatz aus Nortons Sicht an einer Rechtfertigung der stark im Fokus stehenden Rechte. „[A]ssertions of rights immediately raise questions of legitimacy: on what are such rights-claims based? Although deontologists can offer a variety of answers to this question (rights are God-given, rights are implied by reason, rights are the common heritage of humankind), all such answers will add a burden of justification to our sustainability definition” (ebd.: 343). Rechte als gesetzte Prinzipien zu betrachten, die sich nicht auf Erfahrungen aus der gelebten Praxis zurückführen lassen, entspricht, so Norton in seinem zweiten Kritikpunkt, nicht der (umwelt-)pragmatistischen Methode, die er selbst anwendet: „Rights are not principles that preexist social rules, supporting them; rights are simply the set of privileges that a society or legal system will support“ (ebd.). Drittens lassen sich nach Nortons Verständnis mit Hilfe des deontologischen Ansatzes nur schwer konkrete Handlungsempfehlungen für die ökologische Praxis ableiten. Er kritisiert dahingehend zum Beispiel die Analogie der ‚planetarischen Treuhand’ von Brown Weiss: „Brown suggests that if we specify some basic human rights that must be granted, then we can specify what stuff must be saved by describing it as whatever is necessary for satisfying rights, but this puts tremendous pressure on the way rights are characterized” (ebd.).

Die grundlegende Einbindung von Erfahrungen aus der ökologischen Praxis, eine der von Norton kritisierten konzeptionellen Leerstellen der deontologischen Ansätze, steht im Fokus des nun näher zu betrachtenden hybriden Ansatzes. Auch wenn dieser von Norton präferierte Ansatz ebenfalls auf die Konstruktion einer gesellschaftlichen Axiologie abzielt, geht es zunächst nicht darum, konkret mit potentiell zu erhaltenden Werten zu arbeiten. Erklärtes Ziel ist vielmehr die Entwicklung von Kriterien, die dem Konzept Starker Nachhaltigkeit entsprechen und im weiteren Verlauf des Adaptive Management-Prozesses bei der Wertepriorisierung helfen sollen. Norton schlägt daher ein sich konstant wiederholendes Zwei-Phasen-System vor, welches auf dem Beschreiten unterschiedlicher Entwicklungspfade (vgl. ebd.: 354) basiert. Es beinhaltet stets eine Phase sozialen Lernens gekoppelt an eine Phase von Anpassung durch experimentelles Handeln. Norton spricht sich in diesem Kontext explizit für einen Wertepluralismus aus: „So I am advocating a hybrid system of evaluation, which can include multiple indicators, even indicators of more than one logical strength. Indicators are to be chosen within an open, iterative, deliberative process; and, at least in ideal situations, it is not unreasonable to think that indicators that are chosen for monitoring and management should reflect a sort of cross section of the values of the community. Pluralism, if expressed within an ongoing, two-phase process, need not be chaotic” (ebd.: 344). Einen solchen Prozess durchläuft in der Praxis immer eine bestimmte Gemeinschaft, zum Beispiel eine real existierende Stadt oder Kommune. Die Mitglieder der jeweiligen community spannen den Diskursrahmen auf, den sie für angemessen halten, im Fokus steht die Entwicklung von Bottom-Up-Lösungsansätzen hinsichtlich der Festlegung zu bewahrender community values. Grundsätzlich gilt für Norton: „Living sustainably in the present requires choices about what to value; and these choices cannot be separated from the process of building a culture” (ebd.: 339 f.). So hält Norton es beispielsweise nicht für nötig, in der Phase des sozialen Lernens/der Reflektion immer zwingend einen Ausschuss zusammenkommen zu lassen. Er ist überzeugt davon, dass die gesuchten Indikatoren und Kriterien sich ebenso gut in der Praxis entwickeln können (vgl. ebd.: 344). Voraussetzung für alle deliberativen Prozesse, die Norton rät anzustoßen, mit dem Ziel Natur- und Umweltschutz weiter voranzutreiben, ist, dass Menschen zusammenkommen, die sich durch Kooperationsbereitschaft und lösungsorientiertes Denken auszeichnen und die Entwicklung eines neuen Umweltbewusstseins in den Mittelpunkt stellen.

3 Fazit

Bryan G. Norton entfaltet im Verlauf der Kapitel 8.5 bis 8.7 seines Werkes Sustainability. A philosophy of Adaptive Ecosystem Management argumentativ eine Antwort auf die Frage, was heutige Generationen zukünftigen Generationen schulden, wozu sie ihnen verpflichtet sind. Im Fokus steht dabei die Aufrechterhaltung und Weitergabe von Werten, im Speziellen von community values. Norton spricht sich zunächst sehr deutlich gegen die Ökonomisierung der Umwelt aus: „A major target of the arguments of this entire book – against the position I have called Economism – is the view that all environmental values can be treated as economic, or ‚commodity’ values” (ebd.: 339). Umweltzerstörung schadet zukünftigen Generationen, Kompensationszahlungen können die auch in der Zukunft dringend benötigten, kulturell aufgeladenen Naturräume nicht ersetzen – so lässt sich Nortons Standpunkt knapp umreißen. Ziel der vorliegenden Ausarbeitung war es, sich dem Themenkomplex der intergenerationalen Gerechtigkeit aus Nortons Perspektive zu nähern und die Logik, welche der Auswahl der weiterzugebenden Werte und den moralischen Verpflichtungen gegenwärtiger Generationen zugrunde liegt, nachzuzeichnen. Nortons Argumentation führt zum Kern seines Adaptive Management Ansatzes, der Theorie des Umweltethischen Pragmatismus (vgl. ebd.: 343). Ursprünglich entstand dieser Ansatz in den 1980er Jahren im Argumentationsraum der Umweltethik, da „diese seitens der Umweltbewegung mit dem Problem konfrontiert wurde, kaum in die politische und ökologische Praxis auszustrahlen“ (Braun 2017: 163). Wie zu Beginn der vorliegenden Ausarbeitung beschrieben, soll die von Norton entwickelte Theorie des Adaptive Management dementsprechend eine ethische Orientierungshilfe im Natur- und Umweltschutz darstellen (vgl. S. 2). Doch wie zielführend ist Nortons hybrider Ansatz in der Praxis? Das Diskursmodell der Deliberation, eine wichtige Komponente seines Zwei-Phasen-Systems aus Aktion und Reflexion, folgt einem umfangreichen Regelwerk und braucht einen gewissen Rahmen, um zu brauchbaren Ergebnissen zu führen (vgl. Habermas 2015: 97 ff.). Hier muss das bestehende Risiko mitgedacht werden, sich in der entstehenden Komplexität des Kommunikationsprozesses zu verlieren. Nortons Zwei-Phasen-System ist darüber hinaus als Kreislauf konzipiert, was einerseits die Möglichkeit ständiger Anpassung bietet, jedoch andererseits das Zusteuern auf einen expliziten Endpunkt vermissen lässt. Wie wahrscheinlich es ist, dass es einer community gelingt, sich erst auf verschiedene Indikatoren und Kriterien zu einigen, um schließlich mit deren Hilfe eine Entscheidung bezüglich der für zukünftige Generationen relevanten Werte zu treffen, bleibt offen. Hinsichtlich der für die Lösung von Umweltproblemen mutmaßlich zur Verfügung stehenden Zeit ist zu vermuten, dass Nortons Ansatz auch in diesem Punkt stellenweise mit der Realität konfligiert.

Der rechtebasierte – von Norton kritisierte – deontologische Ansatz lässt allerdings, beispielsweise vor dem aktuellen Hintergrund der teilweise erfolgreichen Verfassungsbeschwerde gegen das Klimaschutzgesetz der Bundesrepublik Deutschland, mehr Lösungsorientierung in der Generationengerechtigkeitsfrage vermuten. So entschied jüngst das Bundesverfassungsgericht basierend auf dem deutschen Grundgesetz:

[…] dass die Regelungen des Klimaschutzgesetzes […] über die nationalen Klimaschutzziele und die bis zum Jahr 2030 zulässigen Jahresemissionsmengen insofern mit Grundrechten unvereinbar sind, als hinreichende Maßgaben für die weitere Emissionsreduktion ab dem Jahr 2031 fehlen. […] Danach darf nicht einer Generation zugestanden werden, unter vergleichsweise milder Reduktionslast große Teile des CO2-Budgets zu verbrauchen, wenn damit zugleich den nachfolgenden Generationen eine radikale Reduktionslast überlassen und deren Leben umfassenden Freiheitseinbußen ausgesetzt würde. Künftig können selbst gravierende Freiheitseinbußen zum Schutz des Klimas verhältnismäßig und verfassungsrechtlich gerechtfertigt sein; gerade deshalb droht dann die Gefahr, erhebliche Freiheitseinbußen hinnehmen zu müssen. Weil die Weichen für künftige Freiheitsbelastungen bereits durch die aktuelle Regelung zulässiger Emissionsmengen gestellt werden, müssen die Auswirkungen auf künftige Freiheit aber aus heutiger Sicht verhältnismäßig sein. Auch der objektivrechtliche Schutzauftrag des Art. 20a GG schließt die Notwendigkeit ein, mit den natürlichen Lebensgrundlagen so sorgsam umzugehen und sie der Nachwelt in solchem Zustand zu hinterlassen, dass nachfolgende Generationen diese nicht nur um den Preis radikaler eigener Enthaltsamkeit weiter bewahren könnten. (Bundesverfassgunsgericht 2021)

Es ist einleuchtend, dass dieses konkrete Beispiel allein durch die involvierten Institutionen eine andere Tragweite hat als ein von Norton beispielhaft skizzierter adaptiver Managementprozess. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle ebenfalls erwähnt, dass auch Norton in seinen Ausführungen die Wichtigkeit von Politik hinsichtlich der Erfüllung intergenerationaler Pflichten unterstreicht: „The specification of a legacy, or bequest, for the future must ultimately be a political question, to be determined in political arenas. The best way to achieve consensus in such arenas is to involve real communities in an articulation of values, in a search for common management goals, and to include in that process a publicly accountable search for accurate indicators – measures of the stuff the community cares about – to correspond to proposed management goals” (Norton 2015: 341). Es zeichnet sich jedoch ab, dass Adaptive Management allein als Schlüssel zu intergenerationaler Gerechtigkeit nicht auszureichen scheint. Spannend wäre es daher, in einem nächsten Schritt detailliert herauszuarbeiten, inwieweit Nortons Ansatz – auch abseits von etwaigen pflichtethischen Vergleichen – tatsächlich noch zeitgemäß ist und an welchen Stellen er eventuell einer Modernisierung respektive Politisierung bedarf.

Literatur

  • BORDIN, Fernando Lusa (2007): Die Gerechtigkeit zwischen Generationen: Eine Untersuchung aus der Sicht des Umweltvölkerrechts und des Klimaregimes. In: Revista da Faculdade de Direito da Universidade Federal do Rio Grande do Sul. 252-272.
  • BRAUN, Florian (2017): Naturwert und Praxis. Zur Begründungsfunktion der Praxiserfahrung in Bryan Nortons umweltethischem Pragmatismus. In: Jahrbuch Praktische Philosophie in globaler Perspektive 1. 162-196.
  • HABERMAS, Jürgen (2015): Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, Berlin: Suhrkamp.
  • LOCKE, John (1967): Die zweite Abhandlung über die Regierung. In: Ders., Zwei Abhandlungen über die Regierung. Hrsg. von Walter Euchner, Frankfurt/Main: Europäische Verlagsanstalt.
  • NORTON, Bryan G. (2005): Sustainability. A philosophy of Adaptive Ecosystem Management. Chicago, London: University of Chicago Press.

Internetquellen

1)
„Im umweltethischen Pragmatismus wird die Umwelt als ein prozessuales und relationales Ganzes konzipiert, in das der Mensch als eines von vielen aktiven Relata integriert ist. In einer solchen Umwelt entspringt unser Naturverständnis der fortwährenden und kontinuierlichen Erfahrung, die wir im Umgang mit der Umwelt sammeln“ (Braun 2017: 162).
2)
Kommunitarismus „[…] bezeichnet eine sozialphilosophische Lehre, die sich gegen die Tendenz zum (Hyper-) Individualismus stellt, für eine Erneuerung gemeinsamer Werte eintritt und damit (wieder) ein Fundament für eine gerechte Politische Ordnung schaffen will. Mit dem Postulat, dass dem gemeinsamen durch sozialen Austausch geschaffenen Guten höhere Priorität zukommt als den (kurzfristigen) individuellen Interessen, fordert der K. eine Rückbesinnung auf urdemokratische (insb. auch uramerikanische) Werthaltungen“ (Schubert und Klein 2020).
3)
Brown bezieht sich in seinem Argument auf die folgenden drei Rechte: „rights of bodily integrity, rights of moral, political and religious choice, and subsistence rights“ (Brown 2001: 20 zitiert nach Norton 2015: 340).