Normativer Realismus

Tobias Gößel (Oktober 2016)

Der Normative Realismus bezeichnet eine Strömung in der Ethik, die versucht eine normierende Ebene in die Ethiktheorien einzugliedern.1) Dabei wird eine Norm anhand verschiedener Prämissen hergeleitet, die in der Regel auf empirischen Empfindungen beruhen. Im Englischen wird der normative Realismus auch als „Moral Realism“ bezeichnet, wodurch deutlich wird, dass es sich um eine realexistierende Norm im Bereich der Moral handelt. Es wird versucht eine objektive Norm zu begründen, die sich in der Regel auf das gute und richtige Handeln in bestimmten Situationen bezieht. Der Kern, der meisten Thesen unterscheidet in dieser Hinsicht allerdings oftmals zwischen dem geforderten Verhalten und dem tatsächlichen Verhalten, welches die gesetzte Norm als „falsches Verhalten“ berücksichtigt. Dennoch macht sich im Allgemeinen ein Konflikt breit, der das tatsächliche Vorhandensein von objektiven Werten in Frage stellt, die Werte als subjektiv geprägte Ausformung einer Moral aufzeigt und von einem vollkommenen Fehlen von Werten in der Welt ausgeht.

Die Moral in der Ethik

Das moralische Handeln gliedert in das moralisch Gute beziehungsweise Schlechte ein und wird sinnlich wahrgenommen, damit einhergehend bildet sich auch das ästhetisch Gute.2) Genauso werden nämlich Qualitäten der Größe über die Sinne wahrgenommen, jedoch scheint es über die Kantenlänge eines real-existierenden Würfels weniger Uneinigkeit zugeben, als über die Entscheidung, ob ein Verhalten richtig oder falsch sei. Diese Einigkeit kann durch die objektive Wirklichkeit auf ein Subjekt hervorgerufen werden, also durch die visuelle Wahrnehmung des Würfels, wobei die visuelle Wahrnehmung eine klare Darstellung des Würfels aufnimmt. Im Gegensatz dazu gibt die sinnliche Wahrnehmung der Moral ein viel undeutlicheres Bild von den Qualitäten der Güte. Es entsteht im Subjekt vielmehr ein Gefühl, der Erfüllung oder der Auflehnung, wenn ein Ereignis eintritt, das ein moralisches Gefühl auslöst.3) Begriffsetymologisch lässt sich die Moral von dem lateinischen „mores“ ableiten, welche die geltenden Sitten meint und so das Verhalten konventionell regelt. Erst im späteren Verlauf fand eine Begriffsverengung statt, die die Moral als Eigenschaft einer Handlung oder einer Person beschreibt.4)

Trotz dieser stark auf das moralische Gefühl konzentrierten Auseinandersetzung, gibt es eine objektive Komponente auf die sich der normative Realismus beruft. Dieses moralische Gefühl tritt dabei nämlich in jedem Subjekt auf, sobald eine solche Situation wahrgenommen wird. Dabei entsteht aus empirischer Sicht eine Verteilung, nach der das Subjekt eine Lust beziehungsweise eine Unlust verspürt. Hiermit lässt sich also zumindest der Realitätsaspekt belegen, sofern das moralische Gefühl eine in der Realität wirkliche Größe darstellt, woraus sich die Moral erklärt.5) In Bezug auf die empirische Verteilung von Gut und Schlecht gibt es in der Regel ein logisch zu schlussfolgerndes Ergebnis, das von den Subjekten im Übermaß getroffen wird, sei es das Bespiel, um das grundlose Töten eines Tieres, das wohl von den meisten Menschen als moralisch verwerfliches Handeln eingeordnet wird. Ein Argument für die Einordnung als moralisch verwerfliches Geschehen bietet vor allem der Utilitarismus, der die Nützlichkeit für die Masse als Wertungspunkt für das Maß anbietet.6)

Auf der anderen Seite bietet der Kontraktualismus die Möglichkeit eine empirische Grundlage für die Einordnung nach richtigen oder falschen Verhalten zu entwerfen. Dabei wird ein Vertrag in einer Gruppe ausgehandelt, der festlegt, welche Verhaltensformen gewünscht sind und welche gegebenenfalls sanktioniert werden. Folglich existiert durch diese Vertragsbildung eine Art Meta-Moral einer bestimmten Gruppe. Diese Moralbildung ist allerdings dynamischer Natur und kann beliebig im Rahmen der Gruppe verändert werden, trotzdem bleibt sie als Vertrag jedoch einer gewissen Objektivität verschrieben, die sich auf jedoch subjektive Empfindungen gründet.7)

Im Rahmen solcher Gesellschaftsverträge, wie den Gesetzen, kommt es in jeder weltlichen Gesellschaft dazu, dass Tötungen in der Regel eine moralisch verwerfliche Tat beschreiben. Diese Tatsache ist daran geknüpft, dass es objektive Gründe gibt, die gegen eine Tötung sprechen, da die Gruppe dadurch wichtige Vorteile verlieren könnte, wenn sich die Mitglieder untereinander bekämpfen. Durch diese objektiven Gründe können bestimmte Verhaltensprinzipien abgelehnt oder akzeptiert werden und die Grundlage einer Moral in der Gruppe bilden. Weiter noch kann durch diese Verhaltensprinzipien auch eine normative Ebene der Moral entstehen, die zumindest ex negatio moralisch verwerfliche Taten anklagt.

Eine ähnliche Entscheidungsgrundlage bietet hier Kants kategorischer Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“8) Der zeigt, dass die Universalisierbarkeit eine der wichtigsten Grundlagen für das Handeln ist, um eine Norm begründen zu können. Schließlich ist es die Moral, die Handlungsmotive fordert und nach Gründen verlangt, die eben jenes Verhalten einordnen lassen. Mittels der Universalisierbarkeit ist somit sichergestellt, dass jeder Akteur sich vor den gleichen Grundsätzen rechtfertigen muss, sofern sich die Gegebenheiten in den relevanten Gesichtspunkten gleichen.9) Folgend kommt mit der Universalisierbarkeit eine Allgemeingültigkeit einher, sodass tatsächlich ein Regelwerk entwickelt werden kann, nachdem sich alle Personen einer Gesellschaft richten können, um ein geordnetes Zusammenleben zu gewährleisten. Dabei ist das Hauptziel der Moral die Wahrung der Interessen aller Gesellschaftsmitglieder, die trotz der individuellen Wünsche und Neigungen mittels der Beschränkungen durchgesetzt werden kann.10)

Normativität und das Sollen

Im Grunde genommen kann die Moral niemanden zu einem gewissen Handeln zwingen, da sie vielmehr nur verschiedene Handlungsmotive aufwirft.11) Diese Handlungsmotive werden in dem Fall dadurch geschaffen, dass die moralischen Gefühle im Subjekt ein Verlangen auslösen auf eine gewisse Art und Weise zu handeln, ähnlich wie der Hunger einen Menschen antreibt etwas zu essen. Da die Moral aber nur als Motivation gilt und somit auf das Subjekt keine zwingende Wirkung hat, ist es möglich dieses Gefühl zu unterdrücken oder es gar nicht aufkommen zu lassen. So verhält es sich auch bei Kants kategorischem Imperativ, der unbedingt gültig ist und somit eine Handlungspflicht für jeden darstellt. Im Gegensatz dazu hat ein hypothetischer Imperativ weitaus weniger Wirkung, da er an subjektive Bedingungen geknüpft ist, die ein bestimmtes Handeln erfordern.12) Trotzdem werden beide Arten von Imperativen nicht zwingend von allen Menschen befolgt.

Der Sollenscharakter des hypothetischen Imperativs geht also stets mit einem Wunsch im Subjekt einher, der nur unter der Einhaltung der imperativischen Prämisse gültig werden kann und somit eine Motivation begründet. Während der hypothetische Teil also zu einem „Du sollst X tun, wenn du Y willst“ wird, hat der kategorische Imperativ weniger mit dem konkreten Willen eines des Subjekts zu tun. Der kategorische Teil zeigt vielmehr einen ideellen, metaphysischen Wunsch des Guten an, bei der die Befriedigung eines aktuellen Gefühls weniger zentral ist, als die Erhaltung bzw. Erschaffung des (subjektiv) Guten. Doch entrichtet Mackie hier einen Einwand, der das zuvor genannte Gute auf eine persönliche Ebene stellt, denn auch bei dem Wunsch des Guten handelt es sich augenscheinlich, um den Ausdruck einer subjektiven Neigung oder Abneigung.13) Schlussendlich sind solche Imperative stets nur Handlungsmotivationen, die zu Handlungsgrundsätzen führen können.

Doch woher diese Handlungsgrundsätze kommen ist auf zwei Herangehensweisen zurückzuführen: Zum einen kann hier ein metaphysischer Ansatz vertreten werden, der sich auf ein ontologisches Gut bezieht und somit das Gute an sich abbildet, welches als Vorlage für jegliches Handeln gesetzt wird. Auf der anderen Seite kann das Gute und richtige Verhalten aber auch aus der Empirie abgeleitet werden, sodass sich das Bespiel ergibt:

  1. Bei Tempo 100 geht die Zahl der Unfälle um 20% zurück.
  2. Es ist geboten, die Zahl der Unfälle auf unseren Straßen zu reduzieren.
  3. Also ist es geboten, Tempo 100 einzuführen.14).

Dadurch ließe sich hypothetisch ableiten, wenn bestimmte Ziele von der Gemeinschaft gefordert sind, dann gilt es bestimmte Handlungen zu unterlassen oder zu fördern. Der Konflikt, der sich hier auftut geht nun auf die Metaphysik und die Empirie zurück und fragt danach, inwiefern es das Gute an sich gibt bzw. ob man von empirischen Erfahrungen auf Normen schließen kann. Somit würden Normen auf Tatsachen reduziert und aus ihnen abgeleitet werden können.15)

Ansätze in der Philosophie

Thomas Scanlon

Die Diskussion beruft sich derzeit auf zwei Grundauffassungen, die zum einen Kants kategorischen Imperativ heranziehen, um eine übergeordnete (Meta-)Ethik zu rechtfertigen und zum anderen wird sich auf eine Art Kontraktualismus und Utilitarismus berufen, der die Wandelbarkeit der Ethik zeigt und versucht aus ihr eine praktikable Moralvorstellung zu gewinnen.

In Thomas Scanlons Auseinandersetzung mit der Ethik in seinem Werk „What we owe to each other“ zu Deutsch „Was wir einander schulding sind“ definiert er erst seine Begriffe der „Values“ und „Reasons“, um darüber den Weg zur Motivation und den Beweggründen einzuschlagen. Die Prämisse, die Scanlon für seine Überlegungen dabei zugrunde legt ist, dass der Mensch ein rational handelndes Wesen ist. Aus dieser Grundannahme ergibt sich, dass das Verhalten des Menschen stets einen intendierten Zweck verfolgt und damit auf Gründen aufbaut. Diese Gründe beruhen auf den Werten und Prinzipien, nach denen der Mensch sein individuelles Handeln richtet.

Als Beispiel führt Scanlon hier den Schmerz an, der in der Regel durch den Menschen als negativ wahrgenommen wird und deshalb den Schmerz vermeidet. Daraus folgt zwangsläufig, dass jemand, der Schmerzen erzeugt auch etwas Schlechtes inhärent hat.16) Es wird also von einer Inhärenz verschiedener Werte ausgegangen, die ein Verhalten charakterisieren, dabei folgt dieser Wert einer normativen Instanz, die durch einen Kontraktualismus geschaffen werden kann.17) Die Einteilung einer bestimmten Gegebenheit in gut oder schlecht ist dabei in einem Gesellschaftsvertrag geregelt, wodurch die bestimmte Handlung eine Wertigkeit erhält. Das heißt die Wertung des Verhaltens liegt weniger in dem festgesetzten Wert eines Verhaltens, sondern zielt bei Scanlon viel mehr auf eine Wertung der Gründe ab, die den Akteur dazu verleiten.

Ein Akteur handelt also auf der Grundlage von verschiedenen Gründen in Form von Prinzipien und situativen Umständen und verfolgt dabei stets ein Ziel. Diese Rationalität ermöglicht eine relativ genaue Einschätzung, wie sich der Interaktionspartner verhält, wobei diese Prinzipien auch von Person zu Person variieren können. Doch schließlich gründet sich die Moral auf diese Prinzipien und deshalb muss es zumindest in einer Gesellschaftsgruppe eine große Überschneidung dieser geltenden Prinzipien geben, wobei jene oftmals auf der Grundlage des Kontraktualismus in Gesetzen festgehalten sind und so öffentlich zugänglich sind. Damit ist ein Rahmenvertrag für die Gesellschaft gesetzt, der eine Grundlage zum Handeln aufwirft, wodurch auch eine Art der Erziehung zu den Gesellschaftsprinzipien hin stattfindet.

Obwohl der Mensch als rationales Wesen charakterisiert wird, fallen auch irrationale Entscheidungen, wobei die Irrationalität durch ein Abweichen der selbst festgelegten Prinzipien und Einstellungen gekennzeichnet ist.18) Somit fasst Scanlon den Irrationalitätsbegriff sehr eng, indem er ihn eindeutig von dem Irrtum und Anerkennung anderer vernünftigen Meinungen klar trennt und sich Irrationalität nur in dem Gesamtverhalten einer Person feststellen lässt. Dabei umfasst das rationale Verhalten die „rational-choice-theory“, die als Grundlage für Entscheidungen dient. Obwohl sie dabei relativ schnell zu irrationalen Entscheidungen führen kann, gilt sie als Grundlage für Scanlon zur Einordnung von Irrationalität. Trifft man nun eine Entscheidung entgegen der eigenen Prinzipien, so ergibt sich eine Irrationalität, die durch persönliche Triebe, Begierden und Wünsche motiviert sein kann, wodurch auch sonst befolgte Prinzipien ausgesetzt werden können.19)

Neben den Prinzipien bilden vor allem psychologische Faktoren entscheidende Beweggründe für ein bestimmtes Verhalten, darunter fallen in erster Linie das Verlangen, die Triebe und Wünsche des Subjekts. Dadurch ergibt sich eine Balance zwischen den rationalen Gründen, die ein Subjekt bewegt und den irrational wirkenden Gefühlen. So kann ein Trieb stärker wirken als die vorher gesetzten Prinzipien und man handelt entgegen dieser Prinzipien, das heißt, dass die Triebe eine weitaus größere Motivation abbilden können, als die Prinzipien auf die man sein Verhalten gründet.

Während die Beweggründe das Handeln in einer bestimmten Situation begründen, können die Werte eine normative Instanz darstellen, auf der sich das Denken fundiert. Wobei die Frage nach der Inhärenz eines Wertes aufkommt, wenn er in gut oder schlecht unterteilt wird. Auf Grund der teleologischen Struktur, die Scanlon für den Wert anführt, ergibt sich eine Unschärfe in der Einordnung von guten Handlungen und wonach sie zu schlechten unterschieden werden sollen. Daraus folgend zeigt sich auch ein aktueller Streit in der Philosophie zwischen deontologischen und konsequentialistischen Argumenten, der im Grunde einen Wert entweder in der Intention einer Handlung sieht oder in der Konsequenz die daraus folgt.20)

Das folgende Beispiel zeigt ein Dilemma, das eine klare Positionierung fordert: Wenn ein Person X ermordet wird und Person Y durch einen Unfall stirbt und man nur einen Verlauf verändern kann, würden die meisten Menschen den Mord verhindern, da ihm ein größerer intrinsischer Wert zugeschrieben ist, als einem Unfall. Schließlich bleibt der Akt des Sterbens und Schmerzes gleich, trotzdem zeigt sich eine deontologische Veranlagung, wenn man sich für das Verhindern des Mordes entscheidet, denn dabei wird der Grund für den geplanten Mord als Grund genommen das Schlechte abzuwenden. Insofern vertritt Thomas Scanlon mit seiner Ansicht eine konsequentialistische Haltung, da er dieses Handeln als falsch einstuft.21)

Es gibt demnach eine Abwägung zwischen guten und schlechten Gründen, die ein gutes beziehungsweise schlechtes Ziel hervorrufen. Dabei sind die Beweggründe und die letzte Konsequenz des Handels entscheidend, um die Handlung einordnen zu können. Anhand des Utilitarismus ist es somit möglich eine objektive Haltung gegenüber den Akteuren und den Handlungen einzunehmen, da nur nach dem meisten Nutzen abgewogen wird, ob der Nutzen nun in einer hedonistischen Ausrichtung liegt oder nicht lässt Scanlon dabei offen. Jedoch besteht das Hauptziel einer solchen Moralausrichtiung, wie Scanlon sie vorschlägt in dem „Well-Being“ einer jeden einzelnen Person.22)

Das persönliche Wohlbefinden trägt jedoch nur geringfügig zur Bewertung des Lebens in gut oder schlecht bei, daraus ergibt sich weiter noch eine definitorische Problematik für Scanlon.23) Bei diesem Problem stellt sich die Frage nach der Subjektivität des Wohlbefindens, weshalb mittels einiger Kategorien die Lebensqualität herausgearbeitet wird, welche sich in materiellen und sozialen Konditionen wiederfindet.

Neben den höchst subjektiven und individuellen Begebenheiten des Wohlbefindens spielt auch die Beziehung zu anderen Personen eine Rolle, da sich hier zumindest eine grobe objektive Orientierung geben lässt, inwiefern eine Person durch das Wohlbefinden ein tatsächlich qualitativ besseres Leben führen kann. Trotzdem können zwei Personen einen nahezu gleichen Wohlstand haben, eine gleiche Anzahl an sozialen Kontakten und einen gleich guten Gesundheitsstatus haben, doch der individuelle Unterschied in den jeweiligen Ländern von Person A und B fördert ein vollkommen entgegengesetztes Bild über das Wohlbefinden zu Tage, da die größte Differenz nicht in einem nummerellen Unterschied besteht, sondern viel mehr in dem Erfahren der aktuellen Situation.24)

Schlussendlich muss allerdings eine genaue Trennung des Wohlbefindens vorgenommen werden, die zwischen dem Wohlbefinden als Kategorie und dem Wohlbefinden als Gefühl eines Subjekts.25) Dabei ist das „Well-Being“ eine Kategorie, die etwas Gutes zum Ausdruck bringt, jedoch nicht den einzigen Wert darstellt, um etwas als gut einzuordnen. Trotzdem ermöglicht eben dieses Wohlbefinden eine subjektive Einordnung einer Handlung oder eines Gegenstandes, auf dessen Grundlage man argumentieren kann und der zumindest auch einen Anhaltspunkt gibt, inwiefern etwas gut oder schlecht ist.

John Laslie Mackie

Entgegen der kontraktualistischen Auffassung einer Moralbegründung widersetzt sich Mackie vollkommen einer Begründung einer Moral im objektiven Sinn, da diese Werte im Rahmen des Ethischen Skeptizismus als rein subjektiv gelten.26) Demnach ist die Moral an sich keine feststehende Norm, die besagt, dass das Morden per se schlecht ist, sondern spiegelt die Moral vielmehr die eigenen Gefühle in Bezug auf eine Handlung wieder.27)

Somit ergibt sich für Mackie ein wirkliches Gefühl, das eine Einordnung in gut oder schlecht erfordert, allerdings ist diese Einordnung rein subjektiver Natur, auch wenn es dabei zu Überschneidungen der Meinungen und so zu einer Intersubjektivität kommt, folgt daraus nicht zwangsläufig eine Objektivität.28) Vielmehr kann sich ein gemeinsamer Wertekanon in der Gesellschaft bilden, der sich in Abhängigkeit von den einzelnen Individuen verschieden ausprägt und somit keine normative Grundlage bietet. Darüber hinaus wandelt sich nicht nur die Gemeinschaft über die Zeit hinweg, sondern auch ihre moralische Auffassung und daraus ergibt sich auch der Wandel moralischer Werte eines Einzelnen.

Aus der Wandelbarkeit der Werte ergibt sich demnach ein Widerspruch zu den normativen Werten, denn diese Normativität soll schließlich einen umfassenden Wertekatalog darstellen können, der jeder Handlung einen intrinsischen Wert zuschreibt. Für den moralischen Subjektivismus heißt das: Eine Person kann auf der Grundlage seiner Prinzipien in der einen Situation Handlungsoption A wählen und in einer vergleichbaren Situation die Handlungsoption B, da die Prinzipien sich auf Grund neuer Erfahrungen wandeln können.

Trotzdem erscheint es so, dass die gesamte Gemeinschaft dieselben Werte vertritt und jeder in der gleichen Situationen auch die gleichen Entscheidungen treffen würde. Ebenso, wie man in einigen Situationen die gleiche emotionale Erfahrung verspüren mag, wie das in der Situation befindliche Subjekt, unterliegt man hier allerdings einem Trugschluss der Empathie, durch die Projektion nach außen. Es zeigt sich, dass der Wunsch etwas Bestimmtes zu fühlen, das Ergebnis in die Richtung hingehend beeinflusst, noch deutlicher wird es, wenn Mackie zeigt, wie sich das „objektiv Gute“ bildet. Dieser Prozess geschieht im Einzelnen, wenn man „den Wunsch vom Wert abhängig werden lässt statt dem Wert vom Wunsch“29).

Folglich ergibt sich auch Mackies Irrtumstheorie, die den Fehlschluss von der Zuschreibung moralischer Werte aufzeigt. Demnach liegt der Fehler, dem auch Scanlon unterliegt, in der Zuschreibung einer subjektiven Erfahrung, dass zum Beispiel Geschenke per se etwas Gutes sind. Dennoch unterscheidet Mackie in der Zuordnung von situativen Gegebenheiten und einer Werteinhärenz, wodurch sich ergibt, dass nicht die Handlung des Schenkens gut ist, sondern viel mehr das Ergebnis, das erzielt wird.

Diese wünschenswerten Ergebnisse, die einer sozialen Gruppe einen positiven Zuwachs an Freude o.ä. bringen, gehen stattdessen von dem Ziel einer sozialen Gruppe aus und somit einer Förderung des Allgemeinwohls. Demnach gibt es also doch etwas Positives, jedoch lässt Mackie sich nur auf eine rein deskriptive Bedeutung als Qualität der Güte ein und verneint somit weiterhin eine normative Instanz des Guten. So ergibt sich auch die Aussage „Gut bedeutet etwas ist von der Art, dass es den in Frage stehenden Erfordernissen usw. genügt.“30), dadurch wird ebenfalls die Subjektivierung des Guten verdeutlicht, da es an jeder einzelnen Situation gemessen werden muss.31)

Moral als Realität

Das Ziel eines normativen Realismus besteht somit in erster Linie darin, die Moral als reale Größe zu definieren, um so eine Akzeptanz für die Moral an sich zu schaffen und sich gegen nicht kognitivistische Positionen abzusichern. Dadurch kann erst die Existenz von Gefühlen und Interessen verteidigt werden, die als Gründe für den normativen Realismus Grundlegend sind und zumindest auch für einen Umgang in Form einer Moral von Nöten sind.32) Aus dieser Faktizität ergibt sich erst die Existenz einer Moral und es lässt sich später eine normative Moral aus ihr ableiten, wodurch der Konflikt zwischen den genannten Positionen von Mackie und Scanlon entsteht.

Ein weiterer Konflikt entsteht in der Aufteilung zwischen psychologischen Eigenschaften des Menschen und der Metaphysik, der die Moraltheoretiker in zwei Lager aufspaltet. Dabei liegt der maßgebliche Unterschied in der Beantwortung der Frage, die auch zum normativen Realismus führt, nämlich nach dem Ursprung der Werte. Während der metaphysische Ansatz sich an Platons Ideenlehre anlehnt und das Gute an sich darstellt, legt der psychologische Ansatz seinen Schwerpunkt auf den Menschen und seinen Gefühlen und Wünsche.33) Mit dieser Unterscheidung ergibt sich für den metaphysischen Ansatz auch zwangsläufig eine normative Instanz, da es nur das Gute gibt und kein Pluralismus darüber herrscht, was tatsächlich gut ist. Somit ist entspricht das Gute weitestgehend Scanlons Ansatz mit dem Unterschied, dass dieser das Gute auf Grundlage des Kontraktualismus festsetzt und nicht durch eine höhere Macht oder schon immer als gegeben ansieht, wie Platon es sieht. Dadurch kann der Moral eben auch eine objektive Instanz zugesprochen werden, wie anderen physikalischen Größen

Dahingegen bildet Mackie eine andere Ausrichtung, der die Moral zwar als reale Entität anerkennt ihr jedoch jegliche Objektivität abspricht. Somit ergibt sich eher ein psychologischer Ansatz, da sich die Moral und das daraus resultierende Verhalten aus den Gründen ableitet. Jedoch sind diese Gründe individuell und damit ist eben auch die Moral subjektiv. Es kommt in der Regel vor, dass sich diese Gründe überschneiden und so eine Wertegemeinschaft entsteht, die sogar eine Norm darstellen kann. Allerdings lässt sich das Verhalten damit nicht in per se richtiges oder falsches Verhalten einordnen, sondern kann lediglich in Bezug zur Wertegemeinschaft verstanden werden.

Damit lassen sich zwei Positionen des Normativen Realismus aufzeigen und in die Gesamtdiskussion eingliedern im Gegensatz zu Positionen, die die Moral als solches vollkommen verneinen.

Quellenverzeichnis

  • Brandhorst, Mario: Der neue normative Realismus – einige kritische Fragen, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 69 (3), 2015.
  • Kant, Immanuel: Gesammelte Schriften, hrsg. Von der Königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin, 1902.
  • Kraut, Richard: Plato in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Hrsg. von Edward N. Zalta (ed.), 2015. http://plato.stanford.edu/entries/plato/#PlaCenDoc – abgerufen am 30.09.2016 um 14:30
  • Mackie, John Leslie: Ethik – Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen. Stuttgart: Reclam, 1983.
  • Ott, Konrad: Moralbegründungen – Zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag GmbH, 2005.
  • Sayre-McCord, Geoff: Moral Realism in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Hrsg. von Edard N. Zalta (ed.), 2015. http://plato.stanford.edu/entries/moral-realism/ – abgerufen am 30.09.2016 um 14:30 Uhr
  • Scanlon, Thomas: What we Owe to Each other, Cambridge, Massachusetts, and London: Harvard University Press, 1998.
  • Zoglauer, Thomas: Normenkonflikte – zur Logik und Rationalität ethischen Argumentierens, Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 1998.
2)
Mackie 1983, S. 65 – 66.
3)
Scanlon 1998, S. 77.
4)
Ott 2005, S. 7.
5)
Scanlon 1998, S. 5-6.
6)
Mackie 1983, S. 157 – 158.
7)
Scanlon 1998, S. 5.
8)
Kant 1902, S. 421.
9)
Mackie 1983, S. 104 – 105.
10)
Ebd., S. 133.
11)
Scanlon 1998, S. 35.
12)
Brandhorst 2015, S.6 – 7.
13)
Mackie 1983, S. 31.
14)
Zoglauer 1998, S. 46.
15)
Ebd., S. 47.
16)
Scanlon 1998, S. 82.
17)
Ebd., S. 5.
18)
Ebd., S. 30 – 31.
19)
Ebd., S. 77.
20) , 21)
Ebd., S. 83.
22)
Ebd., S. 108 – 109.
23)
Ebd.S. 111 – 112.
24)
Ebd., S. 109 u. S. 112.
25)
Ebd., S. 142.
26)
Mackie 1983, S. 11 – 12.
27)
Ebd., S. 14 – 15.
28)
Ebd., S. 22.
29)
Ebd., S. 51.
30) , 31)
Ebd., S. 42.