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Lehrstuhl für Philosophie und Ethik der Umwelt
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Voraussetzungen und Grenzen der communitiyübergreifenden Anwendung von Bryan Nortons Nachhaltigkeitsansatz

Hannah Friedrich (Juni 2018)

in Bearbeitung

Einleitung

In Sustainability-A Philosophy of Adaptive Ecosystem Management präsentiert Norton einen Nachhaltigkeitsansatz. Er erklärt, was es ausmacht, als Community1) nachhaltig zu leben. Nachhaltigkeit wird dabei in einem adaptiven Management-Prozess definiert und umgesetzt. Die communitybasierte Ausrichtung im Umgang mit Umweltproblemen ist ein zentrales Charakteristikum von Nortons Ansatz. Viele Umweltprobleme haben communityübergreifende Ursachen beziehungsweise Auswirkungen. Deshalb geht diese Arbeit der Frage nach, ob und wenn ja in welchem Umfang sich Nortons Ansatz eignet, communityübergreifende Umweltprobleme anzugehen.

Zunächst wird in Kapitel 2 Nortons Ansatz in den Pragmatismus eingebettet. Die wesentlichen Elemente werden erläutert, insbesondere der erkenntnistheoretische Ansatz und die Prägung durch Darwins Idee der natürlichen Selektion. Die Grundsätze des adaptiven Managements, Experimentalismus, multiskalare Analyse und Ortssensitivität, werden dargelegt. Dann wird Nortons Nachhaltigkeitsdefinition und deren Implikationen erläutert. Außerdem wird der Prozess beleuchtet, den Norton beschreibt, um eine solche Nachhaltigkeitsdefinition in einer Community zu erarbeiten. Kapitel 3 erörtert, welches Element des adaptiven Management Ansatzes den Communitybezug ausmacht, um herauszufinden, ob Nortons Ansatz auch Orientierung im Umgang mit communityübergreifend relevanten Umweltfragen bietet. Es werden Voraussetzungen und Grenzen einer communityübergreifenden Ausweitung von Nortons Ansatz aufgezeigt. Die Ergebnisse werden anschließend in Kapitel 4 diskutiert. Kapitel 5 fasst die Ergebnisse abschließend zusammen.

Nortons Ansatz des Adaptiven Managements

Der Adaptive-Management Ansatz von Bryan Norton zählt zu den umweltpragmatischen Ansätzen. Umweltpragmatismus bezeichnet, laut Beschreibung von Light und Katz, eine ergebnisoffene Untersuchung der konkreten Probleme, die in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt entstehen. 2) Aus der pragmatischen Sicht zeichnet sich diese Beziehung dadurch aus, dass Menschen und ihre Umwelt eng miteinander verbunden sind und sich oft gegenseitig auf unvorhergesehene Weise beeinflussen. 3)

Charakteristisch für den Pragmatismus ist die Ablehnung der Korrespondenztheorie und des Individualismus. 4) Stattdessen ist die zentrale Idee, dass Erfahrung die einzige Forschungsmethode und Voraussetzung zum Lernen ist. Dabei ist Erfahrung in einem aktiven Sinn gemeint, es geht um Handlungsorientierung. Wahrheit von Überzeugungen ist an der Nützlichkeit dieser Überzeugungen in Anwendungssituationen erkennbar. Eine Überzeugung ist also dann wahr, wenn sie sich in der Anwendung bewährt. Diese Ansichten sind geprägt von Darwins Beschreibung der natürlichen Selektion 5)

Zentral ist außerdem, dass die Suche nach Wahrheit durch Erfahrung communitybasiert ist. Dies steht im Gegensatz zum Individualismus. Aus der pragmatischen Sichtweise findet die Suche nach Wahrheit innerhalb einer statt und wird von vielen Individuen betrieben. Es geht also nicht um die Erfahrungen eines einzelnen Individuums, denn diese können immer durch subjektive Wahrnehmung verzerrt sein. Der Test auf Wahrheit findet in der Anwendung statt, ist also experimentell. Jede Wahrheit wird durch Kommunikation weitergegeben und kann auf diese Weise immer wieder getestet werden unterverschiedenen Bedingungen. Das Resultat dieses ergebnisoffenen und endlosen Testlaufes ist dann Wahrheit. 6)

Im Pragmatismus herrscht die Annahme, dass in einem solchen Prozess Objektivität erreicht werden kann. 7) Pragmatismus ist kontextsensitiv, es gibt keine Universallösungen, die mit vorgefertigten Prinzipien ermittelt werden. 8)

Angelehnt an Aldo Leopold (laut Norton „the first adaptive manager“ 9) ) erörtert Norton, dass der pragmatische Ansatz auch im Umweltmanagement sinnvoll ist. Grundlegend ist hierfür die Anwendung der von Darwin beschriebenen Selektions- und Anpassungsmechanismen auf Communities. Es geht also darum, dass auch Communities Objekte der Selektion und Anpassung sein können. Das bedeutet, dass die pragmatische Konzeption von Wahrheit auf gesellschaftlicher Ebene angewendet wird. Das Kriterium, das den Erfolg einer Community bei der Suche nach Wahrheit über die sie umgebende Umwelt beurteilt, ist also Langlebigkeit. Dabei zeigt sich die Überlebensfähigkeit einer Community im Hinblick auf den Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen und den bestehenden Einschränkungen in der Lebensdauer der Community vor Ort. 10) Wenn eine Community scheitert und ihre Mitglieder aussterben, ist das ein Zeichen dafür, dass die Community die Wahrheit darüber, unter den lokalen Gegebenheiten zu überleben, nicht kannte. 11)

Diesen Anpassungsprozess und die Selektion von Gruppen bezeichnet Norton als soziales Lernen. Die Beschreibung des Prozesses des sozialen Lernens sind angelehnt an John Dewey. 12) Für Norton ist langfristiges Überleben einer Community gleichgesetzt mit einer bestimmten Form des sozialen Lernens. In diesem sozialen Lernprozess geht es darum, Handlungen an die Möglichkeiten und Einschränkungen der Umgebung anzupassen. 13)

Norton betont, dass es nicht um ein physikalisches, sondern ein institutionelles und verhaltensbezogenes Kriterium geht. Die technologische Entwicklung ermöglicht weitreichende Veränderungen. Es ist daher notwendig, dass sich eine Community an diese Veränderungen anpasst. Deshalb ist kulturelle Flexibilität und soziales Lernen dafür entscheidend, ob eine Community das Langlebigkeits-Kriterium erfüllt. 14)

Im Umweltmanagement ist die Multiskalarität der Zeit wichtig, die Norton nach Leopold beschreibt. 15) Neben der menschlichen Zeit („human, experiental time“), also der Zeit wie Menschen sie wahrnehmen, wird außerdem zwischen ökologischer Zeit und geologischer Zeit unterschieden. Ökologische Zeit „is determined by the pace of colonizations of plants and animals, by the forces of competition among species and by the development of symbioses and predatory relationships“. 16) Veränderungen auf der Skala der ökologischen Zeit betreffen Landschaften und Lebensräume. Geologische Zeit bezieht sich auf die langsamen Veränderungsprozesse der physischen Merkmale einer Landschaft. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Menschen (mittlerweile) in der Lage sind, Veränderungen „on larger scales“17) herbeizuführen.

Bei der Bewertung von Umweltproblemen ist für Norton auch wichtig, eine Besonderheit von Umweltwerten zu berücksichtigen. Norton ergänzt Hardins Unterscheidung zwischen privaten Gütern und öffentlichen Gütern um kommunale Güter. Die Besonderheit kommunaler Güter liegt in der zeitlichen Dimension ihrer Bedeutung. Sie sind kein Aggregat privater Güter, sondern haben eine Bedeutung für die Community, die über die Bedeutung für die einzelnen Individuen hinausgeht. Davon ausgehend definiert Norton die Kategorie der kommunalen Werte. Kommunale Werte sind zwar auch für einzelne Individuen wertvoll, doch sie haben auch einen Wert über diese Ebene hinaus. Dieser Wert kann nicht als Aggregat individueller Präferenzen beschrieben werden. Er existiert nicht auf der Skala der menschlichen Zeit, sondern auf der geologischen Zeitskala, „which is the time frame in which a human community finds its proper niche in an ecological system“. 18) Die Betrachtung der Umweltwerte aus der Perspektive der Multiskalarität ermöglicht also die Rechtfertigung eines nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen, da nicht nur individueller Nutzen zu beachten ist.

Vor diesem Hintergrund entwickelt Norton seinen adaptive Management-Ansatz. Dieser Ansatz umfasst das Verständnis, die Rechtfertigung und die Implementierung von Maßnahmen im Umweltmanagement. 19) Es gibt drei wichtige Grundsätze: Experimentalismus, multiskalare Analyse und Ortssensitivität. 20)

Die Grundsätze des adaptiven Management - Ansatzes

Experimentalismus

Der Grundsatz des Experimentalismus beschreibt die Methode des adaptiven Managements. Dazu gehört, Erkenntnisse durch Ausprobieren und Beobachtungen vor Ort zu gewinnen. Es geht darum, Vermutungen zu überprüfen und mit Überzeugungen zu ersetzen, die durch Ausprobieren oder Beobachten gewonnen wurden. Auf diese Weise kann Unsicherheit minimiert werden und die Ziele des adaptiven Managements können angepasst werden. Der Grundsatz umfasst dabei einen sachlichen und einen normativen Aspekt; sowohl praktische Maßnahmen als auch dem adaptiven Management zugrundeliegende Wertvorstellungen und die gesetzten Ziele werden experimentell getestet und überarbeitet. 21)

Multiskalarität

In der Anwendung des adaptiven Management-Ansatzes muss Multiskalarität berücksichtigt werden. Das bedeutet zum einen, die Komplexität der Natur zu beachten, die aus verschiedenen, sich in verschiedenen Geschwindigkeiten verändernden Komponenten besteht. Zum anderen muss ein Rahmen geschaffen werden, um Handlungsfolgen realistisch (also unter Berücksichtigung der Multiskalarität) abzubilden. Auch der Grundsatz der multiskalaren Analyse hat einen sachlichen und einen normativen Aspekt. Der sachliche Aspekt betrifft die physischen Handlungsfolgen. Der normative Aspekt betrifft die multiskalare Analyse von Umweltwerten, die durch die multiskalare Analyse des physischen Einflusses des menschlichen Handelns auf die Natur ermöglicht wird. 22)

Ortssensitivität

Der dritte Grundsatz betrifft die Ortssensitivität: Umweltprobleme müssen kontextsensitiv gelöst werden (also lokalbasiert), da das Langlebigkeits-Kriterium auf die Anpassung an lokale Bedingungen ausgerichtet ist. Folglich bestimmt die Ortssensitivität als Grundsatz des adaptiven Managements, dass Probleme jeweils unter Beachtung des spezifischen Kontexts begutachtet und die ortsbezogenen Unterschiede berücksichtigt werden. Es geht dabei um eine lokale Perspektive im physischen und im sozialen Sinn. Der physische Sinn bezieht sich darauf, welche konkreten Maßnahmen ergriffen werden (beispielsweise in Bezug auf Wasserqualitätsmanagement oder Abholzung). Der soziale Sinn bezieht sich darauf, dass Mitglieder der Community in den adaptiven Management-Prozess mit einbezogen werden. Diese Doppelbedeutung ist wichtig, weil der Grundsatz der Ortssensitivität sachlich und normativ relevant ist für das adaptive Management- Konzept. Die sachliche Relevanz ist gegeben, da nur vor Ort zu klären ist, wie die lokalen Umweltdynamiken sind und folglich Umweltmaßnahmen nur lokal zu bewerten sind. Die normative Relevanz der Ortssensitivität ist in der lokalen Natur von Umweltwerten begründet. Nur die Menschen vor Ort wissen, was schützenswert ist, worauf sie Wert legen. Es gibt keine a priori Wertzuschreibungen, die beispielsweise festlegen, dass der natürliche Verlauf von Flüssen grundsätzlich überall geschützt werden muss. Der Ortssensitivitäts-Grundsatz bedeutet also, dass das adaptive Management einen orts- und kontextbezogenen Ansatz verwendet. Folglich sind keine vorgefertigten Universallösungen möglich und lokale Werte werden, wenn möglich, bevorzugt. 23)

Aufstellen einer Nachhaltigkeitsdefinition nach Norton

Adaptives Management bedeutet also, mit erfahrungsbasierter Methode Aspekte des Umweltmanagements multiskalar zu analysieren und zwar ausgehend von lokalen Gegebenheiten und unter Berücksichtigung lokaler Werte. Ziel ist es, als Community das Langlebigkeits-Kriterium zu erfüllen, also nachhaltig zu leben. Wie genau sieht ein solcher Prozess dann aus? Im adaptiven Management wird akzeptiert, dass Unsicherheit über ökologische Vorgänge besteht und unvorhergesehene Ereignisse auftreten können. Deshalb können die Nachhaltigkeitsziele nicht im Voraus in einer pauschalen Definition festgehalten werden. 24)

Norton schlägt stattdessen eine schematische Definition vor:

„(S)ustainability is a relationship between generations such that the earlier generations fulfill their individual wants and needs so as not to destroy, or close off, important and valued options for future generations25)

Nachhaltig zu leben bedeutet für eine Community also, die Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen für zukünftige Generationen im Auge zu behalten und zu gewährleisten, dass die Optionen der zukünftigen Generationen ausreichend sichergestellt werden. Die Details zur konkreten Umsetzung werden von jeder Community selbst bestimmt. 26) Folglich ist ein Prozess notwendig, in dem Nachhaltigkeitsziele fortlaufend diskutiert, definiert und angepasst werden, also ein Prozess des sozialen Lernens. Norton sieht die Voraussetzungen eines solchen Prozesses in der Bereitschaft der Teilnehmenden, kooperativ eine Lösung für die Probleme der Community zu finden. Die Beschreibung dieses Prozesses beruht also auf der Annahme eines „shared goal of cooperation“. 27) Die Kommunikation zwischen den Teilnehmenden am adaptiven Management-Prozess ist wichtig, um eine solche Kooperation zu ermöglichen. 28)

Es ist auch wichtig, bei der Analyse eines Problems im adaptiven Management vor Ort zu beginnen, in der Community. Norton bezieht das auf Raum, Überzeugungen und Haltung der Community. 29) Es ist also wichtig, Menschen vor Ort sowie alle beteiligten Stakeholder in den Prozess miteinzubeziehen, um die vorherrschenden Werte berücksichtigen zu können. 30)

Aufgrund des Experimentalismus-Grundsatzes ist es wichtig, dass die Deliberation in einem offenen, sich wiederholenden Verfahren stattfindet. Die Merkmale eines solchen Deliberationsprozesses sind, dass ein demokratischer Rahmen gewährleistet ist, bei dem alle Meinungen innerhalb der Community berücksichtigt werden. Es ist außerdem notwendig, alle betroffenen Wertvorstellungen zu beachten. Der Experimentalismus-Grundsatz (in Bezug auf sachliche Fragen, angestrebte Ziele und berücksichtigte Werte) muss eingehalten werden. Wichtig ist außerdem kooperative Zusammenarbeit angetrieben durch soziales Lernen. 31)

Die im adaptiven Management-Prozess getroffenen Entscheidungen sind dadurch gerechtfertigt, dass die Teilnahme vielen Stimmen aus der Community offensteht (und nicht auf Experten beschränkt ist) und der Prozess keine einmalige Angelegenheit ist, sondern die relevanten Aspekte immer wieder neu diskutiert und bewertet werden. Der Deliberationsprozess, in dem die Teilnehmenden über Indikatoren und Kriterien nachdenken, führt dazu, dass soziales Lernen in Bezug auf Werte und physikalische Modelle stattfindet. Gemeinsam wird erörtert, welche Wertvorstellungen vorliegen und wie das praktisch umgesetzt werden kann. 32)

Eine mögliche Wertvorstellung ist beispielsweise– in Anlehnung an Nortons Beschreibung von Atlanta als „city of trees“33) – die Position, dass die Langlebigkeit der Community auch von der lokalen Holzindustrie ökonomisch abhängt. Diese Wertvorstellung wird dann ausgedrückt, in dem ein Indikator entwickelt wird, der den Waldbestand schützt.

In dem oben beschriebenen Rahmen werden dann (ausgehend von Pluralismus) mögliche Entwicklungspfade analysiert und bewertet. Im Rahmen der Bewertung erklären Mitglieder der Community, welche Werte sie vertreten. Um die jeweiligen Werte zu operationalisieren, werden Indikatoren und Kriterien entwickelt. 34) Ein Indikator ist ein „measurable index of change in valued state of a system“35)

Die am Entscheidungsgremium beteiligten Bürger nehmen dabei eine zweifachrepräsentierende Rolle ein. Im Gremium vertreten sie die Bürger, vor den Bürgern vertreten sie das Gremium. Das ist wichtig für die Kommunikation. 36)

Die entwickelten Indikatoren erfüllen zwei Funktionen: sie definieren die Selbstidentität einer Community und sie bringen kommunale Werte in den Umweltmanagementprozess ein. Besonders hilfreich sind dabei synoptische Indikatoren. Das sind Indikatoren, die mehrere in der Community vorhandene Werte vereinen. 37)

Nortons Nachhaltigkeitsdefinition beinhaltet moralische Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Generationen. Hierzu gehört die Verpflichtung, die Werte und Einstellungen fortbestehen zu lassen, die den Respekt und die Erkenntnis der Schützenswürdigkeit eines bestimmten Ortes sicherstellen. Aus Nortons Sicht ist es also möglich, kommunale Werte an zukünftige Generationen weiterzugeben. Auf diese Weise kann langfristig Umweltschutz sichergestellt werden. 38)

Anwendung auf communityübergreifende Umweltprobleme

Voraussetzung einer solchen Anwendung

Adaptives Management besagt, dass Maßnahmen im Umweltmanagement am besten in einem Prozess innerhalb einer Community angegangen werden. Repräsentanten einer Community treffen sich, erörtern gemeinsam, was Teil der Nachhaltigkeitsdefinition sein soll und suchen hierfür synoptische Indikatoren. Die Repräsentanten teilen dabei das Ziel, gemeinsam Lösungen für die Umweltprobleme der Community zu finden. Auf diese Weise ist für Norton soziales Lernen möglich, und dieser Prozess ist notwendig, um das Langlebigkeits-Kriterium zu erfüllen.

Manche Umweltprobleme weisen aber neben der zeitlichen Multiskalarität auch eine räumliche Multiskalarität auf, beispielsweise Wasser-oder Luftverschmutzung. Das Erfüllen des Langlebigkeits-Kriteriums einer spezifischen Community liegt folglich nicht komplett in ihren Händen. Es kann also synoptische Indikatoren geben, die von Handlungen anderer Communities abhängen. Auf den ersten Blick wirkt es, als könnte Nortons Ansatz keine Handlungsorientierung liefern auf die Frage, wie mit derartigen Umweltproblemen umzugehen ist. Aber was genau sind die Grenzen? Ist eine communityübergreifende Anwendung gar nicht möglich oder nur unter bestimmten Bedingungen und in begrenztem Umfang? Was genau ist der entscheidende Aspekt in dieser Konzeption, der eine Anwendung von Nortons adaptivem Management-Prozess auf einen communityinternen Prozess beschränkt? Aufgrund des Community-Schwerpunktes ist es naheliegend, diesen entscheidenden Aspekt im Grundsatz der Ortssensitivität zu suchen. Die Ortssensitivität ist dabei in mehreren Aspekten relevant. Manche der Umweltwerte sind, wie im vorherigen Kapitel erläutert, kommunale Werte. Die gesamte Bedeutung dieser kommunalen Werte kann nur im Kontext der Community erkannt und berücksichtigt werden. Das entspricht dem oben beschriebenen normativen Aspekt der Ortssensitivität. Außerdem bezieht sich das Nachhaltigkeitskriterium der Langlebigkeit auf die Anpassung einer Community an lokale Gegebenheiten. Ortssensitivität ist wichtig, um diese Anpassung zu gewährleisten. Das entspricht dem oben beschriebenen sachlichen Aspekt der Ortssensitivität.

Welcher Aspekt der Ortssensitivität ist hier relevant? Die Tatsache, dass die Anpassung lokal erfolgt und folglich lokale Lösungen gesucht werden, ist es nicht. Die lokale Anpassung ist auch dann noch angestrebt, wenn eine Gemeinde versucht Langlebigkeit zu erreichen, indem sie communityübergreifende Faktoren beachtet. Das zeigt auch, dass die Tatsache der lokalen Begründung mancher Werte nicht der entscheidende Faktor ist, denn auch bei einem communityinternen Prozess ist es nicht notwendig, dass die Werte jeweils von allen Teilnehmenden geteilt werden. Stattdessen werden wie beschrieben synoptische Indikatoren entwickelt, die die Berücksichtigung mehrerer Werte messbar machen. Folglich schließt sich Ortssensitivität und communityübergreifende Problemlösung nicht aus. Unter der Berücksichtigung der Ortssensitivität kann in einem communityinternen Prozess festgestellt werden, welche Maßnahme erforderlich sind, um ein bestimmtes Problem zu lösen oder ein bestimmtes Nachhaltigkeitsziel zu erreichen. In diesem Prozess kann erkannt werden, dass zu diesen Maßnahmen communityübergreifende Zusammenarbeit in einem bestimmten Bereich erforderlich ist.

Die Ortssensitivität ist also nicht der Faktor, der eine Beschränkung auf communityinterne Prozesse bedingt. Also muss der einschränkende Faktor schon im Prozess des Aufstellens der Nachhaltigkeitsdefinition enthalten sein. Wie oben beschrieben funktioniert der Prozess der Erstellung einer Nachhaltigkeitsdefinition nur, wenn die Teilnehmenden das Ziel teilen, gemeinsam Lösungen für die Probleme der Community zu finden. Dieses gemeinsame Interesse ist also eine Voraussetzung des sozialen Lernprozesses, in dem die Nachhaltigkeitsdefinition erstellt wird. Die Teilnehmenden müssen also ein gemeinsames Interesse an der Nachhaltigkeit ihrer Community (und somit an der Erfüllung das Langlebigkeits-Kriteriums haben).

Ist ein solches gemeinsames Kooperationsziel auch communityübergreifend möglich? Innerhalb einer Gemeinde ist die Existenz eines solchen Ziels begründet im gemeinsamen Interesse der Langlebigkeit. Es ist in diesem Rahmen denkbar, dass ein solches gemeinsames Ziel auch möglich ist, wenn sich Aspekte der Langlebigkeit einer Gemeinde mit Aspekten der Langlebigkeit einer anderen Gemeinde überschneiden. Es muss also eine Überschneidung in der Nachhaltigkeitsdefinition vorliegen. Dieses Ziel ist von jeder Community anders begründet, ausgerichtet an der Langlebigkeit der eigenen Community. Wenn eine solche Überschneidung der Nachhaltigkeitsdefinitionen vorliegt, kann ein gemeinsamer oder auch mehrere synoptische Indikatoren entwickelt werden. Auf diese Weise ist es möglich, einen Prozess des sozialen Lernens zu initialisieren um herauszufinden, wie die Nachhaltigkeitsdefinition (oder ein Aspekt der Definition) umzusetzen ist.

Das kann beispielhaft verdeutlicht werden an einem großen See wie dem Bodensee. An diesem See sind viele verschiedene Communities angesiedelt. Diese gehören verschiedenen Nationen. Manche der Communities sind städtisch, andere ländlich geprägt. Die Communities haben also sehr verschiedene Ausrichtungen. Es kann beispielsweise eine Community A geben, die eher städtisch geprägt ist und ökonomisch vom Tourismus abhängt. Im Gegensatz dazu ist Community B sehr aktiv im Fischfang, Tourismus spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn die Comunities A und B jeweils in Nortons Sinn eine Nachhaltigkeitsdefinition aufstellen, können sich diese aufgrund der verschiedenen Ausrichtungen der Communities stark unterscheiden. Es ist allerdings naheliegend, dass in beiden Nachhaltigkeitsdefinitionen das Interesse beziehungsweise die Wertschätzung der Seewasserqualität enthalten ist. Doch diese Wertschätzung hat eine - neben der vielleicht in beiden Communities vorhandenen Wertschätzung einer intakten Umwelt - unterschiedliche Begründung. Für Community A ist die hohe Seewasserqualität wichtig, weil diese ein Aushängeschild in der Tourismusvermarktung ist. Für Community B liegt die Wertschätzung der hohen Wasserqualität darin, dass der Fischfang darauf angewiesen ist. Beide Communities haben also das Ziel, die gute Wasserqualität des Sees zu erhalten. Es liegt folglich eine Überschneidung in der Nachhaltigkeitsdefinition vor und somit ist die Voraussetzung gegeben, einen Prozess des sozialen Lernens zu initialisieren, um herauszufinden, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um das Ziel zu erreichen.

Grenzen einer solchen Anwendung

Wenn es keine Überschneidung in den Nachhaltigkeitsdefinitionen gibt, können auch keine synoptischen Indikatoren aufgestellt werden. Das ist denkbar, wenn die Nachhaltigkeitsziele einer Community von einer anderen Community abhängen, diese Abhängigkeit aber nicht symmetrisch ist. Wie müsste das obige Beispiel verändert werden, damit eine Anwendung von Nortons Ansatz nicht mehr möglich ist?

Angenommen, es gibt mehrere Flüsse, die den See speisen. Die Wasserqualität der Communities entlang des Flusses und am See hängt von den flussaufwärts liegenden Communities ab. Es ist naheliegend, dass die Wasserqualität von Fluss und See Teil der Nachhaltigkeitsdefinitionen der Communities entlang Fluss beziehungsweise am See ist. Die adaptiven Management-Programme der jeweiligen Communities haben also (unter anderem) zum Ziel, für eine gute Wasserqualität zu sorgen. Es ist der Umsetzung dieser Ziele nicht zuträglich, wenn die Community flussaufwärts (an der Grenze nur nächsten Community flussabwärts) eine Maßnahme ergreift, die die Wasserqualität mindert.

Ist es möglich, das Erreichen dieses Zieles im Rahmen von Nortons Ansatz zu gewährleisten? Wie das obige Beispiel gezeigt hat, ist hierfür ein gemeinsames Nachhaltigkeitsziel notwendig. Im Beispiel von Communities A und B ist dies der Fall, da beide zum Erreichen ihres Ziels von denselben Maßnahmen abhängig sind.

Diese Voraussetzung ist im Fluss-und-See-Beispiel nicht gegeben. Zwar haben alle Communities entlang des Flusses und am See, in den der Fluss fließt, ein Interesse an der guten Qualität des Flusswassers. Doch ist dieses Interesse nicht symmetrisch, denn das Interesse geht dabei nur um den eigenen Flussabschnitt (und folglich alles was flussaufwärts geschieht, flussabwärts ist egal). Es gibt also kein gemeinsames Nachhaltigkeitsziel.

Diskussion

Ausschlaggebend für eine Anwendung von Nortons Ansatz ist also ein gemeinsames Nachhaltigkeitsziel. Mit dieser Voraussetzung kann eine Nachhaltigkeitsdefinition definiert (oder ein gemeinsamer Aspekt verschiedener Nachhaltigkeitsdefinitionen) aufgestellt werden. Auf dieser Basis können dann wiederum Indikatoren entwickelt werden, um die Aspekte der Nachhaltigkeitsdefinition umzusetzen. Das gemeinsame Nachhaltigkeitsziel muss symmetrisch vom Verhalten aller beteiligten Communities abhängen. Unter dieser Voraussetzung haben die Communities alle das gleiche Interesse daran, einen Prozess des sozialen Lernens zu initialisieren. Ist die Möglichkeit eines gemeinsamen Nachhaltigkeitsziels nur bei geografischer Nähe gegeben? Oder ist das bezüglich mancher Themen auch global denkbar? Ein Beispiel hierfür wäre die Reduktion des Treibhausgasausstoßes, um den Anstieg der globalen Mitteltemperatur unter Kontrolle zu halten. Erfüllt dieses Beispiel die Voraussetzung einer gemeinsamen Nachhaltigkeitsdefinition beziehungsweise einer Überschneidung in der Nachhaltigkeitsdefinition oder ist es zu weit gefasst, weil die konkreten Auswirkungen für die einzelnen Communities stark variieren? Es ist nicht möglich, hier eine konkrete Grenze zu ziehen. Das würde empirische Untersuchungen erfordern. Im Rahmen dieser Arbeit bleibt festzuhalten, dass die Grundlagen von Nortons Ansatz grundsätzlich eine communityübergreifende Anwendung möglich machen. Entscheidend ist dabei die Voraussetzung der Überschneidung der Nachhaltigkeitsdefinitionen einzelner Communities, um einen communityübergreifenden Prozess des sozialen Lernens initialisieren zu können.

Schluss

Diese Arbeit zeigt, dass sich Nortons Ansatz zu einem gewissen Grad auch auf die Auseinandersetzung mit Themen anwenden lässt, die über die Grenzen einer Community hinaus relevant sind. Das liegt daran, dass die Voraussetzung für eine Anwendung ein gemeinsamer Aspekt der Nachhaltigkeitsdefinitionen ist. Wenn dieses Nachhaltigkeitsziel symmetrisch vom Verhalten aller beteiligter Communities abhängt, können in einem Prozess des sozialen Lernens Indikatoren entwickelt werden, um das communityübergreifende Problem anzugehen.

Nortons Ansatz kann also Orientierung in der Lösung von communityübergreifenden Umweltproblemen bieten. Offen bleibt die Frage, in welchem Ausmaß genau eine solche communityüberreifenden Anwendung möglich ist.

Quellenverzeichnis

  • Light, Andrew und Katz, Eric. (Hrsg.): Environmental Pragmatism; London und New York: Routledge 1996.
  • Light, Andrew und Katz, E ric: „Introduction: Environmental Pragmatism and Environmental Ethics as
    Contested Terrain“; in: Light, Andrew und Katz, Eric (Hrsg.) 1996.
  • Norton, Bryan: Sustainability-A Philosophy of Adaptive Ecosystem Management
    Chicago und London: The University of Chicago Press 2005.
  • Parker, Kelly A.: „Pragmatism and Environmental Thought“; in: Light, Andrew und
    Katz, Eric (Hrsg.) 1996.
1)
Norton verwendet den Begriff „community“ im Sinne einer lokalen Gemeinschaft.
2)
Vgl.: Light und Katz 1996, 2.
3)
Vgl.: Parker 1996, 21.
4)
Vgl.: Norton 2005, 60.
5)
Vgl.: Ebd., 59-62.
6)
Vgl.: Ebd., 60-64.
7)
Vgl.: Ebd., 113.
8)
Vgl.: Ebd., 63.
9)
Ebd., 71.
10)
Vgl.: Ebd., 66-67.
11)
Vgl.: Ebd., 110.
12)
Vgl.: Ebd., 67; 192.
13)
Vgl.: Ebd., 124.
14)
Vgl.: Ebd., 71-72.
15)
Vgl.: Ebd., 213-215.
16)
Ebd., 214.
17)
Ebd.
18)
Ebd., 241.
19)
Vgl.: Ebd., 92.
20) , 22) , 23)
Vgl.: Ebd.
21)
Vgl.: Ebd., 92-95.
24)
Vgl.: Ebd., 242.
25)
Ebd., 363.
26)
Vgl.: Ebd., 359-360.
27)
Ebd., 243.
28)
Vgl.: Ebd., 243-244.
29)
Vgl.: Ebd., 358.
30)
Vgl.: Ebd., 294.
31)
Vgl.: Ebd., 270-274.
32)
Vgl.: Ebd., 274-275.
33)
Ebd., 390.
34)
Ebd., 244-245.
35)
Ebd., 294.
36)
Vgl.: Ebd., 295.
37)
Vgl.: Ebd., 388-390.
38)
Vgl.: Ebd., 327-328.
wiki/grenzen_von_bryan_nortons_nachhaltigkeitsansatz.txt · Zuletzt geändert: 2018/06/07 18:18 von Hannah Friedrich